Der elektrische Hoffnungsträger aus Wolfsburg lässt weiter auf sich warten. Eigentlich sollte der neue E-Golf – intern oft als ID.Golf bezeichnet – bereits 2028 die Straßen erobern und dem schwächelnden Elektro-Absatz neuen Schwung verleihen. Doch daraus wird nichts. Wie aus dem Top-Management des Konzerns durchsickerte, wird die Markteinführung des Kompaktwagens auf frühestens 2029 oder sogar 2030 verschoben. Für die treue Kundschaft, die auf einen bezahlbaren und technisch modernen Elektro-Kompakten aus heimischer Produktion gehofft hatte, ist das eine handfeste Enttäuschung.

Hinter vorgehaltener Hand wird versucht, die Verspätung schönzureden. Man sei mit der aktuellen Modellpalette, darunter überarbeitete Versionen bestehender Modelle und bald erscheinende Einstiegsstromer, bestens aufgestellt. Ein neuer Elektro-Golf werde laut Chefetage schlichtweg vor 2028 noch nicht zwingend benötigt. Doch die wahre Ursache für das Hinauszögern liegt wesentlich tiefer im Maschinenraum des Autobauers.

Die Super-Plattform wird zum Stolperstein

Der neue ID.Golf ist untrennbar mit der kommenden Fahrzeugarchitektur des Konzerns verknüpft. Diese sogenannte „Scalable Systems Platform“ (SSP) soll endlich den Sprung in die nächste Technologie-Generation bringen:

  • Ein leistungsstarkes 800-Volt-System für rasante Ladezeiten von rund 12 Minuten.
  • Eine neue Einheitszelle, die die Batterieproduktion deutlich günstiger und effizienter machen soll.
  • Ein komplett überarbeitetes Software-Betriebssystem, das nach etlichen hausgemachten Pannen nun mit US-amerikanischer Schützenhilfe entwickelt wird.

Doch genau diese technische Basis bereitet den Ingenieuren weiterhin massiv Kopfzerbrechen. Entwicklungsschwierigkeiten haben den Zeitplan immer wieder torpediert. Um die immensen Investitionskosten abzufedern, hat die Chefetage inzwischen entschieden, dass zuerst die margenstarken Premium-Töchter des Konzerns die neue Technik nutzen dürfen. Der Volks-Stromer muss sich hinten anstellen.

Angst vor dem China-Crash

Ein weiterer, überaus kritischer Grund für die Verzögerung ist der enorme Preisdruck. Chinesische Wettbewerber fluten den europäischen Markt mit technisch ausgereiften E-Autos zu Konditionen, bei denen europäische Hersteller kaum noch mithalten können. Die Rechenschieber laufen heiß: Ein elektrischer Golf muss für den Konzern profitabel sein, darf aber gleichzeitig die Käufer nicht durch unverschämte Preise abschrecken.

Zudem verschlingen die geplanten Umbauten der heimischen Werke Unsummen – Geld, das angesichts des harten Sparkurses aktuell offenbar fehlt. Daher wird kurzerhand die Lebensdauer des klassischen Verbrenner-Golfs verlängert, der nun länger als geplant vom Band laufen soll.

"Wir müssen die Rechnung völlig neu aufmachen, um im aktuellen Preiskampf bestehen zu können, ohne unsere Profitabilität zu opfern."

Dieses unausgesprochene Mantra dominiert aktuell die Vorstandsetagen. Für die Autofahrer bedeutet das konkret: Wer in absehbarer Zeit elektrisch im klassischen Golf-Format unterwegs sein will, muss sich entweder in Geduld üben, auf die existierenden Kompromiss-Modelle ausweichen – oder sich zwangsläufig bei der asiatischen Konkurrenz umsehen.