Der britische Premiumhersteller geht All-In. Nach kontroversen Diskussionen über die Neuausrichtung der Marke zeigt Jaguar nun, dass der radikale Wandel im Innenraum konsequent fortgesetzt wird. Das Interieur des kommenden Serienmodells orientiert sich dabei verblüffend eng an der spektakulären Konzeptstudie Type 00 und verzichtet fast vollständig auf vertraute automobile Konventionen.
Ein Rückgrat, das den Raum teilt: Längsachse statt Horizontal-Einerlei
Zentrales Gestaltungsmerkmal des neuen Interieurs ist eine massive Mittelkonsole, die sich wie ein architektonisches Rückgrat – von Jaguar „Central Spine“ genannt – über die gesamte Länge der Kabine zieht. Statt der im modernen Automobilbau üblichen horizontalen Gliederung des Armaturenbretts dominiert hier eine kompromisslose Längsachse. Dieses markante Bauteil teilt den Passagierraum physisch in vier klar voneinander abgegrenzte, intime Einzelbereiche auf. Damit wird der luxuriöse, über fünf Meter lange Gran Turismo zum reinen Viersitzer.
Für den Fahrer bedeutet dieses radikale Layout eine besonders tiefe und umschließende Sitzposition. Die Kabine schrumpft gefühlt um den Arbeitsplatz des Piloten herum, was laut Jaguar für ein besonders souveränes und sportlich-sicheres Fahrgefühl sorgen soll. Thomas Holden, Chief Interior Designer bei Jaguar, erklärt das ungewöhnliche Konzept:
„Unsere ganzheitliche Designphilosophie überträgt die äußere Präsenz des Fahrzeugs in eine unverwechselbare Innenraum-Architektur. Im Gegensatz zur üblichen horizontalen Gliederung betonen wir durch das zentrale Rückgrat eine dramatische Längsachse – ein architektonisches Statement, das vier individuelle Räume schafft.“
Travertin, Messing und das Prinzip der „unsichtbaren“ Technik
Auch bei den Farben und Materialien verabschiedet sich Jaguar vom klassischen Holz-und-Leder-Klischee alter Schultage. Stattdessen setzt die Marke auf eine helle, fast sakrale Ästhetik. Die Oberflächen sind optisch und haptisch vom Naturstein Travertin sowie von hochwertigen, handwerklich anmutenden Textilien inspiriert. Dies führt zu einer edlen, sandfarbenen Farbpalette. Ein messingfarbenes, metallisches Finish zieht sich entlang der Längsachse und der Türbrüstungen durch die gesamte Kabine. Integriert in diese Leisten ist das berühmte Markenlogo, der springende Jaguar („Leaper“).
Bei der Bedienung gehen die Briten ebenfalls eigene Wege und folgen dem Prinzip der „Technologie auf Abruf“ (Technology on Demand). Die sonst so dominanten, riesigen Multimedia-Tablets sucht man hier vergeblich:
- Ein extrem schlankes, flaches Armaturenbrett beherbergt ein breites digitales Instrumentendisplay für den Fahrer.
- Ein kleinerer Touchscreen im Smartphone-Format auf der Mittelkonsole steuert Basisfunktionen wie die Klimatisierung oder Medienlautstärke.
- Physische Tasten sind fast vollständig verschwunden; die wesentliche Bedienung erfolgt primär über berührungsempfindliche Flächen am Zweispeichen-Lenkrad.
- Weitere Displays und Ablagefächer bleiben im ungenutzten Zustand unsichtbar in den reduzierten Oberflächen verborgen und fahren erst bei Bedarf aus.
Clevere Ergonomie trotz fehlender Heckscheibe
Eine weitere optische Besonderheit ist das riesige, weit nach hinten reichende Panoramaglasdach. Weil die Karosserie des Type 01 aerodynamisch bedingt komplett auf ein klassisches Heckfenster verzichtet, blickt der Fahrer über ein hochauflösendes, digitales Kamerasystem nach hinten.
Besonders clever gelöst: Der digitale Innenspiegel („ClearSight Rear View Display“) befindet sich nicht am oberen Rand der Windschutzscheibe, sondern ist mittig am Fuß der Scheibe platziert. Da er sich somit auf exakt derselben Höhe wie die beiden Außenspiegel befindet, müssen die Augen des Fahrers beim Blickwechsel kaum noch vertikal wandern – ein spürbarer ergonomischer Vorteil, der die Ermüdung auf langen Strecken minimiert.
Technische Speerspitze mit über 1.000 PS
Unter der spektakulären Hülle des Type 01 steckt die brandneue, hochfeste JEA-Plattform (Jaguar Electric Architecture). Technisch lässt der Brite dabei ebenfalls die Muskeln spielen. Zum Einsatz kommt ein Dreimotoren-Layout (ein Motor an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse), das eine Systemleistung von über 1.000 PS (735 kW) generiert.
Eine Batterie mit einer Kapazität von rund 120 kWh soll für eine angestrebte WLTP-Reichweite von etwa 700 Kilometern sorgen. Allradlenkung, adaptive Luftfederung und ein hochmodernes Torque Vectoring runden das fahrdynamische Paket ab.
Pebble Beach und New York: Der Fahrplan zur Weltpremiere
Bevor der Type 01 am 6. Oktober 2026 seine offizielle und vollständige Weltpremiere in New York feiert, wird ein seriennaher Prototyp mit einer speziellen, auffälligen Tarnfolie am 16. August 2026 beim renommierten Pebble Beach Concours d'Elegance im Rahmen der Monterey Car Week in Kalifornien debütieren.
Offizielle Euro-Preise für den Type 01 hat Jaguar bislang noch nicht bekannt gegeben – diese werden erst zur New Yorker Weltpremiere im Oktober erwartet. Branchenexperten und Medienberichte rechnen jedoch mit einem Startpreis von deutlich über 100.000 Euro, wobei einige Branchenkenner sogar von rund 150.000 Euro ausgehen. Damit rückt Jaguar endgültig in die absolute Luxusklasse auf. Der Bestellstart soll noch Ende 2026 erfolgen, bevor die ersten Auslieferungen für das Frühjahr 2027 geplant sind.