Einleitung
Der Mercedes EQE positioniert sich als elektrische Alternative zur klassischen E-Klasse und greift dabei tief in das technologische Repertoire des luxuriösen EQS. Die Limousine soll den Spagat zwischen modernster Elektromobilität und dem traditionellen Mercedes-Komfortgelübde meistern. Trotz der kürzeren Karosserie und des Fehlens einer großen Heckklappe verspricht der EQE ein Premium-Erlebnis für Langstreckenfahrer. In diesem Test zeigt sich, ob der kleine Bruder des EQS die hohen Erwartungen in der gehobenen Business-Klasse erfüllen kann. Der Wagen nutzt die EVA-Plattform, die speziell für batterieelektrische Fahrzeuge entwickelt wurde. Damit unterscheidet er sich grundlegend von klassischen Verbrennern im Portfolio. Technisch gesehen setzt Mercedes hier auf maximale Effizienz und modernste Konnektivität.
Design & Verarbeitung
Das sogenannte One-Bow-Design verleiht dem EQE eine markante, aerodynamische Silhouette mit einem beeindruckenden Cw-Wert von 0,22. Während die äußere Form modern und fließend wirkt, gibt es im Detail Anlass zur Kritik an den Spaltmaßen, insbesondere an der unbeweglichen Fronthaube. Im Innenraum dominieren hochwertige Materialien, doch an den Türtafeln findet sich für diese Preisklasse überraschend viel Hartplastik. Insgesamt wirkt die Verarbeitung solide, erreicht aber nicht in jedem Winkel das gewohnte Perfektionsniveau der Stuttgarter Luxusklasse. Zudem sind die ausfahrbaren Türgriffe im Alltag eher unpraktisch und gewöhnungsbedürftig.
Innenraum & Komfort
Der Fahrkomfort ist zweifellos die Paradedisziplin des EQE, besonders wenn die optionale Luftfederung und die Hinterachslenkung an Bord sind. Unebenheiten werden souverän weggebügelt, während die aufwendige Geräuschdämmung mit Akustik-Schaum für eine himmlische Ruhe sorgt. Das Platzangebot für die Beine ist dank des langen Radstands opulent, doch die abfallende Dachlinie schränkt die Kopffreiheit im Fond für Personen über 1,85 Meter ein. Die Sitze bieten exzellenten Langstreckenkomfort und eine angenehm hohe Positionierung für den Fahrer. Ein kleiner Wermutstropfen bleibt die eingeschränkte Rundumsicht durch die massiven Säulen und das extrem kleine Heckfenster. Dieser Umstand macht die Nutzung von Kamerasystemen beim Rangieren nahezu unverzichtbar.
Infotainmentsystem
Technisch beeindruckt der EQE mit dem 12,8 Zoll großen OLED-Zentraldisplay, das durch brillante Schärfe und eine schnelle Hardware überzeugt. Die Mercedes-EQ Software setzt Maßstäbe bei der Laderoutenplanung und bietet hilfreiche Visualisierungen der freien Säulenkapazitäten. Weniger überzeugend ist die Bedienung über das Multifunktionslenkrad, dessen zahlreiche Touch-Flächen oft unzuverlässig und fummelig reagieren. Es fehlen haptische Regler für Basisfunktionen wie die Lautstärke, was die Ablenkung während der Fahrt deutlich erhöht. Die Sprachbedienung arbeitet hingegen hervorragend und kann viele der komplizierten Menüschritte mühelos ersetzen.
Antrieb & Fahrverhalten
Der EQE 350+ bietet mit 292 PS einen souveränen Antrieb, der die Limousine in knapp sechs Sekunden auf Landstraßentempo beschleunigt. Besonders hervorzuheben ist die Wendigkeit durch die Hinterachslenkung, die den Wendekreis auf das Niveau eines Kleinwagens reduziert. Das Fahrverhalten ist sicher und stabil, wobei das hohe Gewicht von über 2,3 Tonnen in Kurven effektiv von der Elektronik kontrolliert wird. Ein deutlicher Kritikpunkt ist die schlecht dosierbare Bremse, die einen inkonsistenten Pedalweg zwischen Rekuperation und mechanischem Bremsen aufweist. Die Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h ist für ein Elektroauto dieser Klasse dennoch großzügig bemessen.
Reichweite & Verbrauch
Im ADAC Ecotest erzielte der EQE eine praxisnahe Reichweite von 530 Kilometern, was ihn zu einem idealen Reisebegleiter macht. Der Durchschnittsverbrauch von 20,0 kWh inklusive Ladeverluste ist für ein Fahrzeug dieser Größe und Masse ein bemerkenswert guter Wert. Die maximale Ladeleistung von 170 kW liegt zwar hinter den Spitzenreitern, wird aber über einen weiten Bereich erstaunlich konstant gehalten. Dank intelligenter Vorkonditionierung des Akkus sind auch bei niedrigen Temperaturen schnelle Ladestopps von rund 30 Minuten möglich. Das Plug-and-Charge-System erleichtert zudem den Ladevorgang an kompatiblen Säulen für den Nutzer ganz erheblich.
Sicherheit & Assistenzsysteme
Mercedes stattet den EQE mit einem umfangreichen Arsenal an Assistenzsystemen aus, die im Test durchweg zuverlässig funktionierten. Die aktive Spurführung arbeitet selbst in engen Baustellensituationen präzise und erhöht den Komfort auf langen Autobahnetappen spürbar. Besonders hervorzuheben sind die Digital-Light-Scheinwerfer, die den Gegenverkehr exakt ausblenden und wichtige Warnhinweise auf die Fahrbahn projizieren können. Der Eco-Assistent sorgt durch situative Rekuperation für maximale Effizienz unter Einbeziehung aktueller Navigationsdaten. Der HEPA-Filter im Innenraum schützt die Insassen zudem effektiv vor Feinstaub, Bakterien und diversen Allergenen.
Fazit
Der Mercedes EQE 350+ ist ein exzellentes elektrisches Reiseauto, das vor allem durch seinen unschlagbaren Komfort und seine hohe Effizienz punktet. Er bringt Luxus-Features aus dem EQS in ein etwas handlicheres Format, ohne dabei wesentliche Abstriche beim Fahrerlebnis zu machen. Die größten Schwächen liegen in der teilweise überkomplizierten Bedienung und der unübersichtlichen Karosserieform der Limousine. Wer über den hohen Preis und die teure Aufpreispolitik hinwegsehen kann, erhält eine technisch ausgereifte Business-Limousine mit beeindruckender Reichweite. Letztlich ist der EQE die konsequente und gelungene Weiterentwicklung der E-Klasse für das rein elektrische Zeitalter.