Das Opfer der Euro-7-Norm

Es ist ein stiller Abschied für ein lautes Meisterwerk schwäbischer Ingenieurskunst. Mit dem anstehenden Facelift der luxuriösen Maybach S-Klasse zieht Mercedes in der Europäischen Union endgültig den Stecker für den 6,0-Liter-V12-Motor. Die bald in Kraft tretende Euro-7-Abgasnorm hätte schlichtweg zu immense Entwicklungskosten verschlungen, um das Kraftpaket für den vergleichsweise kleinen europäischen Markt sauber zu bekommen.

Ein Blick auf die Verkaufszahlen macht die harte Entscheidung der Konzernspitze nachvollziehbar: In Deutschland entschieden sich zuletzt nicht einmal 15 Prozent der Maybach-Kunden für den 612 PS starken Zwölfzylinder. Die überwältigende Mehrheit greift mittlerweile lieber zum moderneren V8-Triebwerk. Die Konsequenz: Das neue Topmodell für den heimischen Markt wird künftig von einem stark elektrifizierten V8-Mild-Hybrid angetrieben, der ebenfalls mehr als 600 PS auf die Straße bringt und den V12 leistungstechnisch direkt ersetzen soll.

Wo das Zwölfzylinder-Herz weiterschlägt

Doch Totgesagte leben länger. Wer nun denkt, der V12 wandert direkt ins Werksmuseum, irrt gewaltig. Die Autobauer wissen genau, dass in anderen Teilen der Welt völlig andere Regeln gelten – und ganz andere Statussymbole zählen.

Hier überlebt der mächtige V12:

  • Der globale Luxus-Markt: In Regionen ohne strenge Euro-7-Zwänge wie China, den USA, dem Nahen Osten oder Südkorea bleibt der Zwölfzylinder als Nonplusultra des Luxus erhalten. Dort ist die Nachfrage nach maximalem Hubraum weiterhin ungebrochen.
  • Sonderschutzfahrzeuge: Selbst in Europa gibt es ein massives Schlupfloch. Wer den extrem schwer gepanzerten Guard-Sonderschutz bestellt, bekommt weiterhin den V12. Das immense Gewicht der rollenden Festung erfordert schlichtweg die brachiale Durchzugskraft dieses Aggregats.
  • Pagani-Supersportwagen: Die italienische Edelschmiede bezieht ihre Motoren traditionell von Mercedes-AMG und darf sich auch künftig über exklusive, handgefertigte Zwölfzylinder aus Affalterbach freuen.

AMG sagt endgültig "Adieu"

Während die Luxusabteilung dem V12 also noch eine lukrative Gnadenfrist im Ausland gewährt, ist das Thema bei der Sportabteilung längst abgehakt. Die Performancemodelle setzen künftig voll auf hochgezüchtete V8-Motoren mit Plug-in-Hybrid-Technik oder stark elektrifizierte Reihensechszylinder, um die immer strengeren Flottenziele zu erreichen.

"Unser klares Ziel ist es, sicherzustellen, dass alle Modelle die höchsten Ansprüche erfüllen. Deshalb ist in europäischen Märkten der überarbeitete V8 künftig der neue Top-Motor, der Leistung und Fahrkomfort auf Maybach-Niveau bietet."

Es bleibt also ein Abschied auf Raten. Wer in Europa heute noch das unvergleichlich seidenweiche Laufgefühl eines nagelneuen schwäbischen Zwölfzylinders genießen will, muss künftig entweder ein schutzbedürftiges Staatsoberhaupt sein – oder ganz einfach auswandern.