Der europäische Automobilmarkt gleicht aktuell einem Schachbrett, und die Stellantis-Führungsebene spielt ganz offensichtlich auf Angriff. Anstatt sich vor der stetig wachsenden Konkurrenz aus Fernost abzuschotten, holt sich der Konzern die Rivalen einfach ins eigene Haus. Nach der kürzlich geschlossenen Absichtserklärung steht nun fest: Stellantis und der staatliche chinesische Autokonzern Dongfeng bauen ihre seit über 34 Jahren bestehende Partnerschaft massiv aus.

Französisches Werk wird zur China-Fabrik

Das Kernstück des Deals ist ein neues Gemeinschaftsunternehmen mit Sitz in Europa, bei dem Stellantis mit 51 Prozent der Anteile klar das Sagen hat. Zunächst geht es darum, die elektrifizierten Premium-Fahrzeuge der Dongfeng-Marke Voyah über das riesige Stellantis-Händlernetz in ausgewählten europäischen Märkten zu vertreiben.

Doch der wahre Clou liegt in der Produktion: Die chinesischen Stromer sollen künftig im Stellantis-Werk im französischen Rennes gebaut werden. Die Fabrik, in der aktuell lediglich der Verbrenner Citroën C5 Aircross gefertigt wird, ist seit Jahren unterausgelastet. Die Belegschaft schrumpfte zuletzt drastisch zusammen. Mit der Fertigung von Dongfeng-Modellen – Experten und Gewerkschaften spekulieren auf einen möglichen Produktionsstart ab 2028 – bekommt das Werk eine dringend benötigte und langfristige Überlebensspritze.

Zölle umgehen mit dem Label „Made in Europe“

Gleichzeitig ist der Schritt ein strategisches Meisterstück, um die drohenden europäischen Strafzölle auf importierte Elektroautos aus China elegant zu umschiffen. Denn was innerhalb der EU-Grenzen zusammengebaut wird und eine ausreichend hohe lokale Wertschöpfung erzielt, gilt als europäisches Produkt.

Damit wiederholt Stellantis exakt jene Blaupause, die der Konzern bereits mit dem chinesischen Start-up Leapmotor etabliert hat. Auch dort hält Stellantis eine knappe Mehrheit von 51 Prozent und nutzt freie Kapazitäten in europäischen Werken – etwa im spanischen Saragossa –, um Leapmotor-Fahrzeuge für den hiesigen Markt zu montieren.

Win-Win-Situation oder Ausverkauf?

  • Rettung für Werke: Stellantis füllt seine leerstehenden Fabrikhallen, erhöht die Auslastung und sichert europäische Arbeitsplätze.
  • Rückenwind für China: Dongfeng erhält direkten Zugang zum europäischen Markt, ohne teure Zollhürden befürchten zu müssen.
  • Kostenvorteile: Stellantis profitiert im Gegenzug vom günstigen chinesischen Lieferketten-Ökosystem und der fortschrittlichen E-Auto-Technik.

„Mit diesem neuen Kapitel unserer Zusammenarbeit werden wir unseren Kunden eine noch größere Auswahl an wettbewerbsfähigen Produkten und Preisen bieten, indem wir das Beste aus der globalen Präsenz von Stellantis mit dem Zugang von Dongfeng zu Chinas fortschrittlichem Ökosystem verbinden.“

Ob diese Strategie für die traditionellen europäischen Marken des Konzerns auf Dauer gut ausgeht oder die chinesische Konkurrenz dadurch langfristig übermächtig wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch: Die Karten in Europas Autoindustrie werden im Jahr 2026 radikal neu gemischt.