Mercedes macht aus der V-Klasse-Idee eine elektrische Grand Limousine: Der neue VLE 300 fährt leise, schnellladend und erstaunlich souverän – doch sein Gewicht bringt in Deutschland einen entscheidenden Haken mit.
Der VLE will mehr sein als ein Van
Mercedes positioniert den neuen VLE als elektrische Großraum-Limousine und nicht mehr nur als klassischen Personentransporter. Technisch steht der Luxus-Van auf der neuen Van.EA-Elektroplattform, die Mercedes für künftige Vans entwickelt hat. Zum Marktstart gibt es den VLE zunächst mit einem Radstand; die Karosserie misst 5,309 Meter in der Länge, 1,999 Meter in der Breite und 1,943 Meter in der Höhe.
Das klingt nach Tiefgarage-mit-Zittern, doch Mercedes kontert mit einer optionalen Hinterachslenkung. Sie reduziert den Wendekreis laut Hersteller auf 10,9 Meter und soll den großen Van im Alltag deutlich handlicher machen. Im ersten Fahrbericht wird genau das bestätigt: Der VLE lässt sich trotz seiner rund 5,30 Meter Länge überraschend kompakt manövrieren.
713 Kilometer WLTP – die Zahl, die hängen bleibt
Die stärkste Ansage ist die Reichweite: Für den VLE 300 nennt der ADAC 713 Kilometer nach WLTP. Möglich machen das ein 115,0-kWh-Akku und eine 800-Volt-Architektur. Mercedes selbst spricht von mehr als 700 Kilometern WLTP-Reichweite und von bis zu 355 Kilometern Reichweiten-Nachladen in 15 Minuten.
Am Schnelllader ist der VLE damit auf dem Papier näher am Elektro-Luxusauto als am alten Elektro-Bus: Die DC-Ladeleistung wird mit 300 kW angegeben. An der AC-Ladesäule sind laut ADAC optional bis zu 22 kW möglich.
Wichtig für deutsche Langstrecken-Fahrer: Die 713 Kilometer sind ein Normwert, kein Autobahn-Versprechen bei Tempo 160. Im ersten Fahrbericht wurden je nach Strecke Bordcomputer-Werte zwischen 15,6 und 20,1 kWh je 100 Kilometer beobachtet; der ADAC weist aber darauf hin, dass diese Werte noch im Autotest verifiziert werden müssen.
Nicht 272, sondern 276 PS: Der aktuelle Serienstand
Frühe Berichte nannten für den VLE 300 noch 200 kW beziehungsweise 272 PS. In den aktuellen technischen Daten steht der VLE 300 jedoch mit 203 kW beziehungsweise 276 PS. Das maximale Drehmoment liegt laut ADAC bei 400 Nm.
Der VLE 300 fährt mit Frontantrieb. Darüber rangiert der VLE 400 4Matic mit 305 kW beziehungsweise 415 PS und Allradantrieb. Beim Allradmodell wird die Hinterachse bei Bedarf zugeschaltet beziehungsweise abgekoppelt, was die Effizienz verbessern soll.
Auf dem Papier ist der VLE 300 kein Sprinter, aber ein souveräner Reisegleiter: 0 auf 100 km/h dauert 9,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 180 km/h. Genau das passt zum Charakter: nicht AMG-Theater, sondern leiser Schub für Familie, Shuttle oder Business-Reise.
So fährt sich der 2,94-Tonnen-Luxus-Van
Das EU-Leergewicht des VLE 300 liegt bei 2.940 Kilogramm. Diese Zahl spürt man nicht als plumpes Poltern, sondern eher als Ruhemasse: Im Fahrbericht wird der VLE als deutlich komfortabler als sein Vorgänger beschrieben.
Die optionale Luftfederung entkoppelt den Innenraum wirkungsvoll von der Straße und lässt den Van im Komfortmodus angenehm nachwippen. Im Sportmodus wirkt das Fahrwerk laut Fahrbericht verbindlicher, bleibt aber komfortabel. Grobe Stöße dringen dennoch durch – ein Rest Transporter-DNA bleibt also erhalten.
Auch akustisch scheint Mercedes geliefert zu haben: Während der ersten Testfahrt fielen laut ADAC keine unangenehmen Geräusche auf, und auf der Autobahn blieb der VLE angenehm ruhig. Die Akustik-Verglasung wird dabei ausdrücklich als Helfer genannt.
Der große Haken: Führerschein und Gewicht
Für Deutschland wird das Gewicht zum echten Kaufargument – oder Kaufhindernis. Je nach Konfiguration erreicht das zulässige Gesamtgewicht des VLE laut ADAC 3,7 Tonnen. Dann reicht der klassische Führerschein der Klasse B nicht mehr aus; erforderlich ist die Klasse C1.
Der VLE 300 in der 3,5-Tonnen-Konfiguration kommt laut ADAC auf 560 Kilogramm Zuladung. Das ist für einen großen Van mit Passagieren, Gepäck und Luxusausstattung eine Zahl, bei der Käufer genau rechnen sollten.
Die Anhängelast des VLE 300 liegt gebremst bei 1.750 Kilogramm und ungebremst bei 750 Kilogramm. Wer maximale Zuglast will, dürfte eher auf den Allrad schauen: Für das Allradmodell werden bis zu 2,5 Tonnen genannt.
Innenraum: Businessclass statt Bäckerei-Bus
Der VLE kann je nach Konfiguration bis zu acht Sitzplätze bieten. Das Cockpit setzt auf ein 10,45-Zoll-Kombiinstrument sowie auf 14-Zoll-Displays für Infotainment und optional den Beifahrer.
Hinten wird es auf Wunsch richtig opulent: Für den Fond gibt es Einzelsitze mit hellem Leder, induktive Smartphone-Ladeschalen und ein Kino-Paket. Der dazugehörige Bildschirm misst 31,3 Zoll und fährt aus dem Dachhimmel heraus. Mercedes zielt damit sichtbar nicht nur auf Familien, sondern auch auf Chauffeur- und Shuttle-Kunden.
Beim Nutzwert bleibt der VLE dennoch Van: Das normale Kofferraumvolumen liegt bei 795 Litern, dachhoch mit umgeklappter Rücksitzbank sind 4.078 Liter möglich.
Preis: Ab 82.260 Euro – und schnell sechsstellig
Der Mercedes VLE 300 startet laut ADAC bei 82.260 Euro. Der neue Elektro-Van ist ab sofort bestellbar, die Auslieferung soll ab Sommer 2026 beginnen.
Der VLE 400 4Matic kann mit Luxusoptionen wie dem Kinobildschirm laut ADAC auf über 130.000 Euro konfiguriert werden. Später soll ein günstigerer VLE 200 folgen, für den der ADAC einen erwarteten Einstieg um 68.000 Euro nennt.
Erste Einschätzung: Der elektrische Luxus-Van wird ernst
Der Mercedes VLE 300 liefert genau die Zahlen, die der alte EQV nie liefern konnte: 713 Kilometer WLTP, 300 kW DC-Laden, 115 kWh Akku und 82.260 Euro Einstiegspreis. Im ersten Fahrbericht überzeugt er vor allem dort, wo ein Luxus-Van überzeugen muss: Ruhe, Komfort, Platz und Reichweite.
Doch der VLE ist kein leichter Familienbus, sondern ein fast drei Tonnen schweres Premium-Elektroauto im Van-Format. Wer ihn in Deutschland kaufen will, sollte deshalb nicht nur Reichweite und Ausstattung prüfen, sondern auch Zuladung, zulässiges Gesamtgewicht und Führerscheinfrage. Genau dort entscheidet sich, ob der VLE die neue elektrische Businessclass wird – oder ein faszinierender Luxusliner mit Bürokratie-Ballast.