Der Performance-Schwenk von Mercedes-AMG auf der neuen MMA-Plattform ist ein mutiges Statement. Während die Standardversionen des CLA vor allem auf extreme Effizienz getrimmt sind, bläst die sportliche Speerspitze aus Affalterbach zum Großangriff auf die Sinne. Denn am Ende geht es bei einem AMG um weit mehr als nur um das lautlose Abspulen von Kilometern von A nach B.
Die Erweckung des Ola Källenius: Der beste V8, der keiner ist
Dass CEOs neue Modelle in den Himmel loben, gehört zum Standardgeschäft der Automobilindustrie. Doch die Worte, die Mercedes-Konzernchef Ola Källenius nach einer Ausfahrt im elektrischen AMG CLA wählte, lassen aufhorchen. Gegenüber einem britischen Fachmagazin geriet der Manager regelrecht ins Schwärmen. Nach der Testfahrt habe er sich gefühlt „wie ein wiedergeborener Christ“:
„Es war der beste V8, den ich je gefahren bin: Er hatte das ganze Gefühl eines V8, aber mit mehr Leistung und Drehmoment.“
Diese Aussage birgt eine pikante Ironie. Källenius, der im Laufe seiner Karriere bei Mercedes-Benz und AMG unzählige legendäre Achtzylinder-Triebwerke bewegt haben dürfte, adelt ausgerechnet ein Elektroauto mit dem heiligsten Begriff der alten Benzin-Welt. Doch wie schafft es ein Akku-Auto, das emotionale Erbe eines bulligen Verbrenners zu imitieren?
Technik-Feuerwerk: Drei Motoren, 680 PS und 1.759 Nm
Hinter dem feurigen Fahrgefühl steckt hochmoderne Rennsport-Technologie. Der Mercedes-AMG CLA 45 4MATIC+ electric setzt nicht auf herkömmliche Elektromotoren, sondern auf drei sogenannte Axialflussmotoren. Diese extrem kompakten und leichten Maschinen – einer an der Vorderachse, zwei an der Hinterachse – stammen aus der technologischen Entwicklung von AMG und mobilisieren eine Spitzenleistung von gewaltigen 680 PS (500 kW).
Das maximale Drehmoment liegt bei schier unglaublichen 1.759 Nm. Die Fahrleistungen sind entsprechend brutal:
- Der Sprint von null auf 100 km/h gelingt nach der werksseitig kommunizierten Angabe mit der gängigen 1-Fuß-Rollout-Methode in rasanten 2,7 Sekunden; die klassische Beschleunigung ohne diesen virtuellen Vorlauf ist mit rund 3,0 Sekunden beziffert.
- Die Höchstgeschwindigkeit wird serienmäßig bei 250 km/h elektronisch abgeregelt; erst mit dem optionalen AMG Dynamic Plus Paket klettert das Limit auf 270 km/h.
- Die 94-kWh-Batterie (netto) ermöglicht laut WLTP-Messung eine Reichweite von bis zu 670 Kilometern (beim praktischeren Shooting Brake sind es bis zu 640 Kilometer).
- Dank der 800-Volt-Architektur und einer maximalen Ladeleistung von 330 kW lassen sich in nur zehn Minuten rund 270 Kilometer Reichweite nachladen.
Die perfekte Illusion: Wie der Stromer den Verbrenner simuliert
Um V8-Liebhabern und Fans des klassischen Verbrenners den Umstieg schmackhaft zu machen, haben die Ingenieure in Affalterbach tief in die Trickkiste gegriffen. Kernstück des emotionalen Erlebnisses ist der Fahrmodus „AMGFORCE S+“. Aktiviert der Fahrer dieses Programm über den Lenkrad-Satelliten, erwacht ein komplexes Simulationssystem zum Leben.
Mit Hilfe von 13 Mikrofonen wurde der originale, rotzige Klang des legendären AMG-Vierzylinders (dem M139 aus dem A 45 AMG) aufgenommen und für den Elektroantrieb digitalisiert. Doch Mercedes belässt es nicht bei simplem Lautsprechersound: Das System simuliert echte, haptische Gangwechsel eines virtuellen Siebengang-Doppelkupplungsgetriebes (7-Gang-DCT) inklusive spürbarer Zugkraftunterbrechung.
Zusätzlich sorgen sogenannte „Sitzshaker“ in den AMG-Sportsitzen dafür, dass die charakteristischen Vibrationen und das mechanische Pulsieren eines Verbrennungsmotors auf den Körper des Fahrers übertragen werden. Selbst ein virtueller Drehzahlmesser, der bis zu der für den M139 typischen Grenze von 7.200 Touren (U/min) reicht, flimmert über das digitale Cockpit, während die Schaltpaddles am Lenkrad zur manuellen Gangjagd einladen.
Heiliges Blechle oder künstlicher Budenzauber?
Die Reaktionen auf diesen extremen Spagat dürften die Autowelt spalten. Für Puristen der reinen Elektromobilität ist das künstliche Erzeugen von Schaltrucken und Auspuffgeräuschen ein anachronistischer Rückschritt – sie schätzen am E-Auto gerade den lautlosen, ununterbrochenen Vorwärtsdrang. Für traditionelle Petrolheads wiederum bleibt ein synthetisch generierter Motorsound wohl immer nur ein schwacher Trost für das Fehlen von echten Kolben, Pleueln und Abgasen.
Dennoch zeigt der Vorstoß von Mercedes eines ganz deutlich: Die Schwaben wollen sich nicht kampflos dem Vorwurf ausliefern, E-Autos seien austauschbare Fahrgeräte ohne Seele. Wenn selbst der Konzernchef nach einer Fahrt im elektrischen CLA 45 ein erweckungsähnliches Erlebnis feiert, könnte AMG hier tatsächlich einen Schlüssel gefunden haben, um die Brücke zwischen zwei Welten zu schlagen. Ob die Kunden das künstliche Beben ebenso euphorisch aufnehmen wie Källenius, wird der Marktstart zeigen.