Lange Zeit galten chinesische Elektroautos vor allem als eines: unschlagbar günstig. Doch ausgerechnet der Chef eines der aufstrebendsten China-Hersteller rudert nun zurück. Der CEO von Leapmotor sieht den viel diskutierten Preisvorteil chinesischer Marken auf dem internationalen Markt schwinden. Stattdessen rückt eine völlig neue Waffe in den Fokus, um europäische Käufer zu überzeugen.

Der rasante Aufstieg der Fernost-Autobauer wurde bisher massiv von einer aggressiven Preispolitik getrieben. Doch steigende Logistikkosten, drohende Strafzölle und die Notwendigkeit, sich an europäische Marktgegebenheiten anzupassen, fordern zunehmend ihren Tribut.

Lokale Produktion frisst die Margen

Um auf dem europäischen Markt langfristig Fuß zu fassen und Importzölle zu umgehen, setzen aufstrebende Marken verstärkt auf lokale Fertigung. Durch strategische Partnerschaften – wie das weitreichende Joint Venture von Leapmotor mit einem großen europäischen Autokonzern – rollen die Modelle künftig auch aus europäischen Werken, beispielsweise in Spanien, vom Band.

Die strikten EU-Vorgaben verlangen für eine zollfreie Einstufung einen lokalen Wertschöpfungsanteil von mindestens 70 Prozent. Was politisch gewollt ist, hat jedoch einen klaren Nebeneffekt: Die Produktionskosten nähern sich unweigerlich dem europäischen Niveau an. Auch wenn die Hersteller in ihrer Heimat durch eine extrem hohe Eigenfertigungsquote von teils über 60 Prozent weiterhin enorm effizient arbeiten, lässt sich dieser Kostenvorteil bei einer europäischen Produktion nicht mehr vollständig aufrechterhalten.

Autonomes Fahren als neuer Trumpf

Wenn der Preis nicht mehr das alles entscheidende Argument ist, womit wollen asiatische Hersteller dann in Zukunft punkten? Die Antwort lautet: Technologie. Die Führungsriege bei Leapmotor sieht die eigene Branche insbesondere im Bereich der Fahrerassistenz und beim autonomen Fahren klar im Vorteil.

In China gehört hochautomatisiertes Fahren längst zum Alltag. Ein markantes Detail: Fahrzeuge im aktiven autonomen Modus machen dort teilweise bereits durch spezielle blaue Scheinwerfer auf sich aufmerksam. Rund ein Drittel der chinesischen Autofahrer nutzt derartige Funktionen regelmäßig im Verkehr. Diese technologische Vorreiterrolle soll nun der neue Verkaufsschlager in Europa werden.

Die neue Strategie für den westlichen Markt stützt sich daher auf veränderte Säulen:

  • Europäische Fertigung: Abfederung von Zöllen durch die Nutzung etablierter Produktionsinfrastrukturen vor Ort.
  • Hohe Integration: Volle Kontrolle über eigene Technologie-Ökosysteme, Batterie-Plattformen und Software.
  • Smarte Systeme: Fokus auf fortschrittliche Assistenzsysteme und autonomes Fahren statt auf reine Rabattschlachten.

"Die globale Kräfteverschiebung in der Autoindustrie wird künftig nicht mehr primär über den Preis, sondern durch die technologische Führerschaft entschieden."

Ob europäische Autokäufer bereit sind, die neuen Modelle künftig vor allem wegen ihrer Software-Kompetenz und nicht mehr primär wegen günstiger Leasingraten zu wählen, wird sich spätestens mit der nächsten Fahrzeuggeneration zeigen, die derzeit auf unsere Straßen rollt.