Der Vorstoß zeigt überdeutlich, wie pragmatisch und unkonventionell chinesische Autobauer mittlerweile agieren. Anstatt sich von den drohenden EU-Zöllen auf E-Autos in ihren Expansionsplänen ausbremsen zu lassen, sucht der Staatskonzern FAW – die mächtige Muttergesellschaft hinter der Luxusmarke Hongqi – kurzerhand den Schulterschluss mit der Konkurrenz. Im Fokus der streng vertraulichen Verhandlungen steht ein Werk in Spanien, konkret die traditionsreiche Fabrik in Saragossa, die zum europäischen Stellantis-Konzern gehört.

Das Ziel der Chinesen ist ambitioniert: Hongqi will den europäischen Markt in den kommenden Jahren mit aller Macht erobern. Bis 2028 sollen über ein Dutzend neue Elektro- und Hybridmodelle in mehr als zwanzig europäischen Ländern anrollen. Mit einer lokalen Fertigung in Südeuropa ließen sich für das Unternehmen gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Ein trojanisches Pferd für den Markteintritt

Die anvisierte Kooperation kommt nicht von ungefähr. Als heimlicher Brückenbauer fungiert offenbar das aufstrebende Start-up Leapmotor. Der Clou an der Sache: Sowohl der europäische Riese Stellantis als auch die asiatische FAW-Gruppe sind als Investoren an diesem jungen Autobauer beteiligt. Da in Saragossa ohnehin die baldige Produktion von Leapmotor-Fahrzeugen geplant ist, steht die logistische Infrastruktur quasi schon in den Startlöchern.

Für Hongqi wäre dies in erster Linie ein massiver finanzieller Vorteil. Branchenkennern zufolge könnte der Hersteller durch diesen Schritt Investitionen in Höhe von hunderten Millionen Euro für den Bau eines komplett neuen Werks auf dem europäischen Kontinent einsparen.

  • Kürzere Wege: Eine etablierte Zuliefererkette direkt vor Ort beschleunigt den Marktstart enorm.
  • Zollumgehung: In der EU gefertigte Fahrzeuge unterliegen nicht den drastischen Sonderzöllen aus Brüssel.
  • Bessere Werksauslastung: Auch die Gegenseite profitiert. Die europäische Autoindustrie kämpft teilweise mit Überkapazitäten, sodass eine Auftragsfertigung die Rentabilität der bestehenden Werke sichert.

"Die Strategie ist clever und pragmatisch: Wer das Risiko teurer Gigafactories scheut, mietet sich einfach in die bestehenden Hallen der europäischen Platzhirsche ein."

Ein cleverer Plan B in der Hinterhand

Obwohl die Gespräche in Spanien bereits vielversprechend verlaufen, hält sich die Chefetage in Fernost noch ein entscheidendes Hintertürchen offen. Als Alternative zur europäischen Produktion wird dem Vernehmen nach auch ein neuer Produktionsstandort in Hongkong genau geprüft. Von der asiatischen Wirtschaftsmetropole aus fielen die Exportzölle für den globalen Handel deutlich geringer aus als vom chinesischen Festland, was die Einfuhr nach Europa ebenfalls stark vergünstigen würde.

Sollte der Deal im Mittelmeerraum jedoch glücken, stünde der erste westeuropäische Fertigungsstandort für die aufstrebende Nobelmarke fest. Einst als behäbige Repräsentationskarosse für hochrangige Funktionäre belächelt, würde Hongqi damit einen unerwartet tiefen Fußabdruck mitten im Herzen der europäischen Autoindustrie hinterlassen.