Die Plattformdaten von Carwow offenbaren ein tiefes Loyalitätsproblem für Volkswagen. Zwar nutzen viele Kaufinteressenten den Online-Konfigurator von VW fleißig, doch die Conversion-Rate – also der tatsächliche Kauf nach einer Konfiguration – ist ernüchternd. Nur magere 39 Prozent der Nutzer, die sich online einen VW zusammenstellen, unterschreiben am Ende auch den Kaufvertrag für ein Fahrzeug der Wolfsburger Marke. Ganze 15 Prozent dieser potenziellen Kunden wandern stattdessen zur konzerneigenen Schwestermarke Skoda ab.
Skoda wiederum erweist sich als echter Kundenmagnet und konnte seine Gesamtanfragen auf der Plattform im Jahresvergleich von 2025 zu 2026 um 26 Prozent steigern. Damit führt die tschechische VW-Schwester mit einem Anteil von 12,74 Prozent aller Anfragen das Gesamt-Ranking der gefragtesten Hersteller an, während VW um 12 Prozent auf einen Anteil von 10,81 Prozent abrutscht. Wer bei Skoda ein Fahrzeug konfiguriert, meint es meist ernst: Die Marke glänzt mit einer Kaufquote von 62 Prozent nach erfolgter Konfiguration. Der chinesische Herausforderer BYD folgt dicht dahinter mit einer beachtlichen Konfigurations-Loyalität von 59-Prozent. Für Volkswagen ist das ein Albtraum: Die Kunden nutzen die Wolfsburger Tools zum Vergleichen, gekauft wird jedoch zunehmend woanders.
BYD-Wachstumszahlen im Detail: Warum der Hype real ist
Besonders spektakulär liest sich der Zuwachs bei BYD: Die Anfragen für die chinesische Marke stiegen auf der Plattform innerhalb eines Jahres um sage und schreibe 25.360 Prozent. Dieser astronomische Wert bedarf einer Einordnung: Da BYD im Vorjahr auf der Plattform nahezu bei null startete, führt der mathematische Hebeleffekt zu dieser extremen Prozentzahl. Dennoch ist der Erfolg real. BYD katapultierte sich damit auf einen Anteil von 8,71 Prozent an allen Gesamtanfragen auf Carwow.
Speziell im Segment der reinen Elektroautos (BEV) hat sich BYD mit einem Anteil von 7,91 Prozent an allen E-Auto-Suchanfragen fest etabliert und rangiert damit auf Platz drei der gefragtesten Stromer-Marken in Deutschland – noch vor Volkswagen, das im E-Auto-Segment hinter Skoda, Kia, BYD und Cupra nur auf dem fünften Platz landet.
Der direkte Vergleich: BYD Dolphin Surf gegen VW ID.Polo
Ein wesentlicher Treiber für das rasante Wachstum der chinesischen Konkurrenz ist die aggressive Preisgestaltung in der Kleinwagenklasse. Doch wie schlägt sich der brandneue BYD Dolphin Surf im direkten Vergleich mit Volkswagens Hoffnungsträger, dem frisch gestarteten VW ID.Polo? Ein Blick auf die Einstiegsversionen zeigt ein interessantes Duell:
- BYD Dolphin Surf Active (Einstiegsmodell): Das chinesische Modell startet bei einem Listenpreis von 22.990 Euro. Dafür erhalten Käufer einen Elektromotor mit 88 PS (65 kW) und einen 30-kWh-Akku. Dieser sorgt für eine offizielle WLTP-Reichweite von kombiniert bis zu 220 Kilometern, was im realen Alltagsbetrieb einer Schätzung von rund 190 Kilometern entspricht. Wer nur in der Stadt fährt, knackt dank der WLTP-Stadtreichweite sogar bis zu 356 Kilometer.
- VW ID.Polo Trend (Einstiegsmodell): Volkswagens neuer "Volks-Stromer" geht ab 24.995 Euro an den Start. Er leistet 116 PS (85 kW) und verfügt über einen 37-kWh-Akku, der eine alltagstaugliche WLTP-Reichweite von bis zu 334 Kilometern ermöglicht.
- Das Fazit beim Einstieg: Für einen Aufpreis von exakt 2.005 Euro bietet Volkswagen mit dem ID.Polo Trend 28 PS mehr Leistung, einen größeren Akku und 114 Kilometer mehr kombinierte WLTP-Reichweite. In diesem Fall liefert VW ein sehr starkes Paket ab, auch wenn BYD die psychologische Preisschwelle noch etwas weiter drückt.
Ganz anders sieht es aus, wenn man die höheren Ausstattungslinien vergleicht:
- BYD Dolphin Surf Comfort: Die leistungsstärkere Surf-Version bietet 156 PS (115 kW) und eine 43,2-kWh-Batterie für einen Listenpreis von 30.990 Euro bei einer WLTP-Reichweite von bis zu 310 Kilometern.
- VW ID.Polo Life (mit großem Akku): Diese Variante leistet kraftvolle 211 PS (155 kW) und nutzt einen 52-kWh-Akku für einen Basispreis von 33.795 Euro, der eine alltagstaugliche WLTP-Reichweite von bis zu 454 Kilometern ermöglicht.
- Das Fazit in der Performance-Klasse: Auch hier behält VW bei der Leistung die Nase vorn, verlangt jedoch einen Aufpreis von 2.805 Euro gegenüber dem BYD-Spitzenmodell.
Die Kompaktklasse: BYD Dolphin deklassiert den ID.3 Neo auf dem Papier
Noch deutlicher wird der Preis-Leistungs-Vorteil der Chinesen eine Klasse höher im Kompaktsegment. Vergleicht man den regulären BYD Dolphin (nicht die Surf-Version) mit dem ebenfalls kürzlich aktualisierten VW ID.3 Neo, gerät Wolfsburg ins Hintertreffen:
- BYD Dolphin Comfort: Bietet kraftvolle 204 PS (150 kW) und einen großen 60,4-kWh-Akku für einen Listenpreis von 33.990 Euro.
- VW ID.3 Neo Trend: Geht bei einem Listenpreis von 33.995 Euro an den Start, leistet jedoch nur 170 PS (125 kW) und muss mit einem kleineren 50-kWh-Akku auskommen.
- Das Fazit in der Kompaktklasse: Bei fast identischem Listenpreis bietet BYD hier 34 PS mehr Leistung und einen deutlich größeren Akku. Berücksichtigt man zudem die realen Markt- und Rabattpreise auf Vermittlerplattformen, wächst der Preisvorteil für den Dolphin im Alltag oft noch weiter.
Pragmatismus siegt: Akzeptanz für China-Autos wächst kontinuierlich
Die Zeiten, in denen chinesische Autos als qualitativ minderwertige Kopien belächelt wurden, sind endgültig vorbei. Das belegen auch die repräsentativen Verbraucherumfragen von Carwow: Während Ende 2022 lediglich 30-Prozent der befragten deutschen Autofahrer angaben, den Kauf eines chinesischen Fahrzeugs in Betracht zu ziehen, stieg dieser Wert bis Anfang 2026 auf beachtliche 44 Prozent an.
Der Hauptgrund für diesen Wandel ist der ausgeprägte Pragmatismus der Käufer. Immer mehr Menschen assoziieren mit den Modellen aus Fernost ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis und moderne Technologien. Arne Stöcker, Managing Director von Carwow Deutschland, fasst die Entwicklung zusammen:
"Wir beobachten eine deutliche Öffnung des deutschen Marktes. Deutsche Autofahrer orientieren sich zunehmend an Preis-Leistungs-Verhältnis und technologischer Ausstattung, unabhängig vom Herkunftsland der Marke."
Für Volkswagen und die etablierten europäischen Hersteller ist dies ein unmissverständliches Signal: Der Vorsprung durch das Markenimage schrumpft. Wenn Wolfsburg seine Vormachtstellung auf dem Heimatmarkt langfristig verteidigen will, muss die Marke nicht nur technologisch überzeugen, sondern auch bei der Preisgestaltung der Elektro-Modelle noch wettbewerbsfähiger werden.