Der Traum von der unbegrenzten Mobilität ohne Ladekabel ist so alt wie das Elektroauto selbst. Während frühere Solarauto-Projekte wie Sono Motors tragisch scheiterten, nähert sich die BMW Group dem Thema nun aus einer völlig neuen Perspektive. Gemeinsam mit 16 Masterstudenten der Clemson University in South Carolina (USA) haben die Münchner das Projekt Deep Orange 17 ins Leben gerufen.

Das fahrbereite Konzeptfahrzeug, das den Beinamen „Luminetta“ trägt, bricht mit fast allen Konventionen moderner Elektroautos. Statt auf immer größere Batterien und extrem hohe Ladeleistungen zu setzen, fokussiert sich das Projekt konsequent auf maximale Effizienz und solare Eigenproduktion.

„Dies ist ein Projekt, das wir schon seit Jahren verfolgen wollten. Es ist unglaublich lohnend zu sehen, wie diese Gruppe von Studierenden in den letzten zwei Jahren so viele technische Herausforderungen gemeistert hat, um ein energiepositives Fahrzeug zum Leben zu erwecken“, erklärt Stephan Augustin, Projektleiter für Forschung und neue Technologien bei BMW.

Der Trick mit der Standzeit: Warum das Konzept aufgeht

Der Ansatz von Deep Orange 17 basiert auf einer einfachen, aber genialen Beobachtung des realen Alltags: Ein durchschnittliches Auto wird am Tag nur einen Bruchteil der Zeit tatsächlich gefahren. Wer morgens eine halbe Stunde zur Arbeit pendelt, lässt das Fahrzeug danach oft acht bis zehn Stunden auf dem Parkplatz stehen.

Genau hier setzt das solare Ladekonzept an. Während das Auto in der Sonne parkt, sammeln die Solarzellen unaufhörlich Energie. Auch während der Fahrt wird das Sonnenlicht direkt in den Energiespeicher eingespeist.

Um herauszufinden, wie alltagstauglich dieses Prinzip ist, haben die Entwickler das Nutzungsszenario eines typischen Pendlers simuliert, der am Tag rund 20 Kilometer zurücklegt. Die Simulationen wurden für vier unterschiedliche Standorte weltweit durchgeführt: Greenville in den USA, Frankfurt am Main, Madrid und Mumbai. Das Ergebnis ist verblüffend:

  • Trotz der sehr unterschiedlichen Sonneneinstrahlung an den Standorten erzeugte der Prototyp im Schnitt genügend Energie, um die tägliche Pendelstrecke komplett auszugleichen.
  • Darüber hinaus blieb am Ende eines durchschnittlichen Tages ein Energieüberschuss für rund 50 Kilometer zusätzliche Reichweite übrig.
  • Rechnerisch weist das Fahrzeug damit im urbanen Betrieb einen „negativen Verbrauch“ auf – es produziert im Alltag mehr Strom, als es verbraucht.

Hightech aus Deutschland: Die 1.781 Solarzellen im Detail

Die technische Umsetzung dieser Idee ist ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Insgesamt 1.781 Photovoltaikzellen sind direkt in die flächige Außenhaut des kompakten Coupés integriert. Entwickelt wurden die Solarpaneele in enger Zusammenarbeit mit dem renommierten Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg.

Ein entscheidendes Problem herkömmlicher Solaranlagen auf Fahrzeugen ist die Verschattung. Wenn ein Auto unter Bäumen, Brücken oder neben Gebäuden parkt, bricht die Leistung der Solarzellen oft komplett ein. Das System von Deep Orange 17 wurde jedoch so konstruiert, dass die Paneele selbst dann noch zuverlässig Strom erzeugen, wenn einzelne Abschnitte im Schatten liegen. Geschützt werden die empfindlichen Halbleiter durch eine extrem widerstandsfähige Außenfolie. Deren charakteristischer orangefarbener Ton verdankt sich einem hochmodernen Laser-Herstellungsprozess.

Extrem-Leichtbau: Mit nur 550 Kilo gegen den Gewichtswahn

Solarenergie allein reicht jedoch nicht aus, um eine positive Energiebilanz zu erreichen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im konsequenten Verzicht auf unnötigen Ballast. Während moderne Elektroautos nicht selten weit über zwei Tonnen auf die Waage bringen, wiegt Deep Orange 17 gerade einmal 550 Kilogramm – also etwa ein Viertel eines herkömmlichen Kompaktwagens.

Dieses extreme Leichtgewicht erfordert radikale Lösungen bei der Konstruktion:

  • Sicherheits-Chassis: Das Grundgerüst kombiniert hochfesten Baustahl für den Insassenschutz mit leichten Aluminiumkomponenten.
  • Innovative Materialien: Strukturteile aus Kohlefaser (Carbon) und im 3D-Druck hergestellte Metallverbindungen sparen zusätzlich Gewicht ein, ohne an Steifigkeit einzubüßen.
  • Auffälliges Design: Optisch erinnert das extrem flache und kantige Coupé an einen Kofferfisch. Besonders markant ist die extrem schmale Spurweite an der Hinterachse, die den Luftwiderstand minimiert. Auf die typische, riesige BMW-Niere an der Front wurde komplett verzichtet.

Keine Serie geplant – aber ein Blick in die Zukunft

Wer nun darauf hofft, in naher Zukunft einen Solar-BMW beim Händler bestellen zu können, wird enttäuscht werden. Deep Orange 17 ist ein reines Forschungsfahrzeug und eine Machbarkeitsstudie. Es zeigt jedoch eindrucksvoll, was technologisch möglich ist, wenn man die Grenzen des klassischen Automobilbaus verlässt.

Trotz des Prototypen-Status ist das Fahrzeug im Innenraum erstaunlich modern ausgestattet. Eine eigens entwickelte Mensch-Maschine-Schnittstelle zeigt dem Fahrer sämtliche Energie- und Ladedaten in Echtzeit an, zudem sind Apple CarPlay und Android Auto voll integriert.

Nach seiner feierlichen Enthüllung in den USA soll der wegweisende Solar-Stromer Anfang 2027 auf der Technologiemesse CES in Las Vegas einem weltweiten Publikum präsentiert werden. Auch wenn die „Luminetta“ so nie in Serie gehen wird – die gewonnenen Erkenntnisse über hocheffiziente Solar-Karosserien und extremen Leichtbau dürften die Entwicklung zukünftiger Elektroautos maßgeblich beeinflussen.