Einleitung

Mit dem GWM Ora 07 bringt der chinesische Automobilriese Great Wall Motor (GWM) einen echten Paradiesvogel auf den deutschen Markt. Die vollelektrische Fließhecklimousine positioniert sich in der Mittelklasse, schielt optisch aber frech in Richtung Oberklasse und Sportwagen-Ikonen. Wer ein Fahrzeug sucht, das sich vom Einheitsbrei abhebt und dabei ein hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet, sollte den Ora 07 genauer unter die Lupe nehmen – auch wenn er einige technische Eigenheiten mitbringt.

Design & Verarbeitung

Das Design des Ora 07 ist ein retro-futuristischer Stilmix, der polarisiert. Während die Frontpartie mit ihren ovalen Scheinwerfern Erinnerungen an den VW Beetle oder Porsche 911 weckt, zitiert das Heck deutlich den Porsche Panamera oder Bentley Continental. Trotz dieser Anleihen wirkt das Gesamtkonzept eigenständig und mutig. Die Verarbeitungsqualität überzeugt auf ganzer Linie: Im Innenraum finden sich hochwertige, vegane Materialien und aufgeschäumte Kunststoffe, die exzellent zusammengefügt sind. Hier klappert selbst auf unebenen Straßen nichts.

Innenraum & Komfort

Im Interieur erwartet die Insassen ein luxuriöses Ambiente mit einer markanten, schwebenden Mittelkonsole, die analoge Drehregler für die Klimatisierung beibehält – ein Pluspunkt für die Bedienfreundlichkeit. Die vorderen Sitze sind bequem, verfügen über Massagefunktionen und Belüftung (ab Pro-Ausstattung), könnten jedoch für sehr große Fahrer eine längere Beinauflage vertragen. Im Fond macht sich die abfallende Dachlinie bemerkbar: Während die Beinfreiheit dank des Radstands von 2,87 Metern großzügig ist, wird es für die Köpfe größerer Passagiere eng. Auch der Kofferraum ist mit 333 Litern für ein 4,87 Meter langes Auto enttäuschend klein und zerklüftet.

Infotainmentsystem

Das digitale Cockpit besteht aus drei Rundinstrumenten in Retro-Optik und einem zentralen 12,3-Zoll-Touchscreen. Die Software reagiert schnell, und die Sprachsteuerung („Hallo Ora“) funktioniert zuverlässig. Ein Kritikpunkt ist die Tiefgründigkeit mancher Menüs; Funktionen wie die Einstellung der Lüftungsdüsen müssen umständlich über den Monitor gesteuert werden. Ein besonderes Feature ist die Fahrerüberwachung, die jedoch von Testern oft als zu penetrant und nervös empfunden wird, sobald der Blick kurz von der Straße abweicht.

Antrieb & Fahrverhalten

Der Ora 07 ist in zwei Leistungsstufen erhältlich: Die Frontantriebs-Varianten leisten 204 PS, während das Topmodell GT mit Allradantrieb stolze 408 PS mobilisiert. In nur 4,3 bis 4,5 Sekunden sprintet der GT auf 100 km/h. Trotz dieser sportlichen Werte ist das Fahrwerk eher komfortorientiert ausgelegt und bügelt Unebenheiten souverän weg. Der GT hat jedoch bei voller Beschleunigung gelegentlich Traktionsprobleme an der Vorderachse. Die Lenkung bietet drei Modi, wobei im Sport-Modus die beste Rückmeldung erfolgt, ohne jedoch die Präzision eines BMW i4 zu erreichen.

Reichweite & Verbrauch

Zwei Batterien stehen zur Wahl: 64,3 kWh (netto) für bis zu 440 km WLTP-Reichweite oder 83,5 kWh (netto) für bis zu 520 km. In Realtests erreicht der große Akku im Drittelmix rund 370 bis 448 km. Die Achillesferse des Ora 07 ist das Laden: Mit einer maximalen DC-Ladeleistung von nur 88 kW hinkt er der Konkurrenz (oft 150 kW+) weit hinterher. Ein Ladevorgang von 10 auf 80 Prozent dauert somit über 40 Minuten. Eine Wärmepumpe ist erst ab der Pro-Linie serienmäßig.

Sicherheit & Assistenzsysteme

Die Serienausstattung an Sicherheitsassistenten ist beeindruckend und umfasst eine 360-Grad-Kamera, Totwinkelwarner und einen Autobahnassistenten (Level 2+). Allerdings trübt die Software-Abstimmung den Eindruck: Der Notfall-Spurhalteassistent greift oft willkürlich und mit hoher Kraft in die Lenkung ein, was viele Fahrer als störend oder gar gefährlich empfinden. GWM bietet jedoch umfangreiche Garantien, darunter 5 Jahre auf das Fahrzeug ohne Kilometerlimit und 8 Jahre auf die Batterie, was Vertrauen in die Technik schafft.

Fazit

Der GWM Ora 07 ist eine interessante Alternative für Individualisten, denen Design und eine luxuriöse Ausstattung wichtiger sind als maximale Effizienz beim Laden. Zu einem Einstiegspreis von rund 42.000 Euro bietet er viel Auto fürs Geld. Wer jedoch häufig Langstrecken fährt und auf schnelles Laden sowie ein großes Gepäckabteil angewiesen ist, muss Kompromisse eingehen. Er ist weniger ein praktisches Familienauto als vielmehr ein stilvoller Cruiser mit Luxus-Flair.