Für viele Familien ist es das Horror-Szenario schlechthin: Die Kinder quengeln auf der Rückbank, die Heizung läuft auf Hochtouren, und die Restreichweite schmilzt schneller als der Schnee in der Frühlingssonne. Der Winter 2026 zeigt deutlicher denn je, dass die Elektromobilität in der kalten Jahreszeit ihre eigenen Gesetze hat. Während Hersteller mit WLTP-Reichweiten von über 600 Kilometern werben, sieht die Realität bei null Grad auf der Autobahn oft ernüchternd anders aus.
Die Kälte-Falle: Wenn 500 km zu 300 km werden
Aktuelle Auswertungen, unter anderem vom ADAC, zeichnen ein klares Bild: Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt müssen E-Autofahrer tapfer sein. Der chemische Prozess in den Akkuzellen verlangsamt sich, der Innenwiderstand steigt, und vor allem die Heizung fordert ihren Tribut. Wer glaubt, die WLTP-Angabe auf den Winter übertragen zu können, wird – im wahrsten Sinne des Wortes – kalt erwischt.
Besonders bitter trifft es Fahrer, die auf Kurzstrecken unterwegs sind, wo der Innenraum immer wieder neu aufgeheizt werden muss. Doch auch auf der Langstrecke gen Süden sind Reichweitenverluste von 30 bis 50 Prozent keine Seltenheit, wenn man den Komfort nicht einschränken will. Spitzenreiter wie der Audi A6 e-tron oder der Mercedes EQS zeigen zwar, dass technischer Fortschritt auch bei Kälte Kilometerfressen erlaubt, doch viele populäre Mittelklasse-SUVs kämpfen härter mit den Elementen.
Der stille Reichweiten-Killer: Die Dachbox
Was in den Prospekten oft verschwiegen wird: Die Aerodynamik ist der beste Freund des Elektroautos – und die Dachbox ihr größter Feind. Ein Aufbau für Skier und Gepäck ruiniert den cW-Wert gründlich. Tests belegen, dass eine Dachbox bei Autobahngeschwindigkeit (130 km/h) den Verbrauch um satte 20 bis 40 Prozent in die Höhe treiben kann. In Kombination mit der Kälte bedeutet das für manche Familien-Vans: Ladestopp alle 200 Kilometer. Wer hier nicht penibel plant, verbringt mehr Zeit an der Raststätte als auf der Piste.
"Coldgate" an der Ladesäule
Ein weiteres Problem, das viele Neulinge unterschätzen, ist die Ladegeschwindigkeit. Ein ausgekühlter Akku nimmt den Strom nur widerwillig an. Wer ohne aktive Vorkonditionierung an den Schnelllader rollt, sieht oft nur mickrige Ladeleistungen. Statt der versprochenen 20 Minuten für 80 Prozent Ladung steht man plötzlich 45 Minuten oder länger.
So gelingt der Winter-Trip trotzdem
Ist das E-Auto also untauglich für den Familienurlaub? Keineswegs, aber es erfordert ein Umdenken:
- Vorklimatisierung nutzen: Das Auto noch an der heimischen Wallbox aufheizen, um Energie aus dem Netz statt aus dem Akku zu ziehen.
- Sitzheizung statt Sauna: Lenkrad- und Sitzheizung wärmen effizienter als das Aufheizen der gesamten Kabinenluft.
- Navi ist Pflicht: Immer mit dem bordeigenen Navi zur Ladesäule navigieren, damit das Auto den Akku rechtzeitig vorwärmen kann.
"Wer einfach losfährt wie mit dem Diesel, wird scheitern. Wer plant, fährt entspannt."
Der Stresstest zeigt: E-Autos sind wintertauglich, aber sie verzeihen im Gegensatz zum Verbrenner keine Planungsfehler. Für Familien bedeutet das: Der Weg in den Urlaub ist bereits Teil des Abenteuers – inklusive verpflichtender Kaffeepausen.