Es ist eine Entscheidung, die in der modernen Automobilwelt Seltenheitswert hat. Mitten in einer Ära, in der Autohersteller im Wettlauf um ein möglichst futuristisches Design selbst die einfachsten mechanischen Funktionen durch digitale Gimmicks ersetzen, beweist Audi Mut zur Einfachheit. Die Entscheidung, beim neuen Q9 auf die geplanten elektronischen Griffe zu verzichten und stattdessen auf Altbewährtes zu setzen, fiel extrem spät – zu einem Zeitpunkt, als die Werkzeuge für die Produktion bereits bestellt und die Pläne eigentlich längst versiegelt waren.

Für Audi-Chef Gernot Döllner war dieser späte Sinneswandel jedoch eine Frage des Prinzips. Ein Auto müsse in erster Linie für den Kunden funktionieren, nicht für das Datenblatt.

Die Fast-Katastrophe: Ein Gimmick, das keiner wollte

Das ursprünglich geplante System für den Audi Q9 war technisch äußerst anspruchsvoll: Sogenannte „Winglet“-Türgriffe sollten flach an der Türbrüstung anliegen. Hinter den kleinen, flügelartigen Elementen verbargen sich piezoelektrische Sensoren. Eine sanfte Berührung sollte genügen, um einen Impuls auszulösen, woraufhin sich die Türen elektromechanisch öffnen.

Was auf dem Papier nach avantgardistischem Premium-Luxus klingt, erweist sich in der Praxis eines dreireihigen Familien-SUVs schnell als Albtraum. Wenn Kinder mit schmutzigen Händen, Großeltern bei frostigen Temperaturen oder Fahrer mit nassen Handschuhen versuchen, die Türen zu öffnen, stoßen solche Touch-Systeme schnell an ihre Grenzen. Döllner machte bei der Vorstellung des Q9 in München keinen Hehl aus seiner Unzufriedenheit nach der entscheidenden Validierungsfahrt:

„Wir hatten auch an diesem Auto ein innovatives Türgriffkonzept. Und dann hatten wir eine finale Testfahrt und sagten: Es ist innovativ, aber aus Kundensicht ist es schlechter als ein herkömmlicher Türgriff.“

Das Urteil des Chefs war vernichtend, und seine Konsequenz kompromisslos. Anstatt ein unpraktisches Gimmick als Innovation zu verkaufen, ließ er das System einstampfen. Seine Begründung ist ein Weckruf für die gesamte Branche: „Es ist keine Innovation, es ist einfach nur gut.“

Der 45-Wochen-Kraftakt der Ingenieure

Einen solchen Wechsel weniger als ein Jahr vor der Premiere durchzusetzen, grenzt in der Automobilindustrie an ein kleines Wunder. Normalerweise dauert die Entwicklung und Integration eines neuen Türgriffs rund zwei Jahre. Ein Griff ist schließlich keine bloße Zierleiste: Er beeinflusst die gesamte Außenhaut der Tür, die innere Tragstruktur, die Schlossmechanik, die Crash-Sicherheitssensoren, Dichtungen sowie die Montageabläufe im Werk.

Da die Werkzeuge für die E-Türen bereits gefertigt wurden, bedeutete der Stopp nicht nur erhebliche zusätzliche Kosten, sondern auch extremen Zeitdruck für die Belegschaft. Dass der Q9 dennoch pünktlich präsentiert werden konnte, verdankt die Marke einer Meisterleistung ihrer Entwickler:

„Normalerweise dauert es zwei Jahre, so etwas zu ändern. Aber unsere Karosserie-Ingenieure haben hervorragende Arbeit geleistet, und wir hatten ein wenig Glück, dass es vom Bauraum her passte“, lobte Döllner sein Team.

Ein neuer Kurs bei Audi: Der Abschied vom Touch-Wahn

Die Geschichte um die Türgriffe des Q9 ist kein Einzelfall, sondern symbolisiert eine strategische Kehrtwende in Ingolstadt. Unter Döllners Führung korrigiert Audi spürbar den Kurs bei der Innenraum- und Bedienphilosophie. Die Zeiten, in denen physische Tasten komplett verbannt und durch unpräzise Touchflächen ersetzt wurden, scheinen gezählt.

Auch bei anderen Funktionen des Q9 und des eng verwandten Modells Q7 ruderte Audi zurück. So wurde die Mittelkonsole überarbeitet und die Touch-Bedienfelder an der Fahrertür, wie man sie noch aus den aktuellen A5- und Q5-Modellen kennt, wurden durch haptisch klar definierte, echte Schalter ersetzt. Kundenzufriedenheit und intuitive Bedienung stehen wieder im Fokus.

Was das neue Flaggschiff für 108.400 Euro bietet

Der Verzicht auf die komplizierten Griffe tut dem Luxus-Anspruch des neuen Flaggschiffs keinen Abbruch. Mit einer Länge von 5,31 Metern und einem Radstand von 3,14 Metern überragt das Riesen-SUV selbst etablierte Konkurrenten wie den Mercedes GLS und den BMW X7. Zu den technischen Highlights gehören neben den optionalen elektrischen Automatiktüren – die nun über die klassischen Griffe oder per App gesteuert werden – ein riesiges Panorama-Schiebedach mit mehr als 1,5 Quadratmetern Glasfläche und schaltbarer Transparenz (PDLC) sowie modernste OLED-Heckleuchten der dritten Generation.

Bestellbar ist das neue Luxus-Dickschiff ab Ende Juli 2026 zu Preisen ab 108.400 Euro für den Q9 TDI mit 220 kW starkem V6-Diesel und quattro-Allradantrieb. Die ersten Auslieferungen an Kunden sind für das vierte Quartal 2026 geplant.