Endlich hat Audi die Hüllen fallen gelassen: Der neue Audi Q9 soll die Lücke im Segment der absoluten Oberklasse-SUVs schließen und den etablierten Rivalen BMW X7 und Mercedes-Benz GLS das Fürchten lehren. Mit riesigen Abmessungen, modernster Lichttechnik und einem Innenraum im Lounge-Stil fährt das neue Flaggschiff vor. Doch ein genauer Blick auf die ersten Pressestimmen aus China zeigt: Auf dem wichtigsten Automarkt der Welt weht dem Ingolstädter Riesen ein eisiger Wind entgegen. Die chinesischen Medien sparen nicht mit Kritik – sowohl am Design als auch an den Marktchancen des Modells.

Zu spät für die Party: Der veränderte Markt in China

Noch vor wenigen Jahren wäre ein Luxus-SUV wie der Audi Q9 in China ein garantierter Verkaufsschlager gewesen. Doch die Zeiten haben sich dramatisch geändert. Die chinesische Presse weist unisono darauf hin, dass der Markt für große Premium-SUVs inzwischen fest in der Hand heimischer Akteure ist. Lokale High-Tech-Giganten wie der Aito M9 oder der Li Auto L9 dominieren das Segment mit Absatzzahlen von teilweise über 10.000 Einheiten pro Monat. Beide Modelle haben kürzlich die prestigeträchtige Marke von 300.000 verkauften Fahrzeugen geknackt.

Im Vergleich dazu brechen die Verkaufszahlen der traditionellen deutschen Verbrenner-Elite in China regelrecht ein. Wenn selbst ein BMW X7 in manchen Monaten kaum noch dreistellige Zulassungszahlen erreicht, stellt sich für Chinas Motorjournalisten die berechtigte Frage, warum wohlhabende Kunden nun auf einen verspäteten, konventionellen Riesen-Verbrenner von Audi warten sollten. Der Q9 kommt schlicht in einer Ära an, in der die chinesische Luxuskundschaft längst elektrisch und hochgradig digitalisiert fährt.

Design-Kritik: „Sieht aus wie ein günstiger Chinese“

Besonders heftig wird in den chinesischen Netzwerken und Medien über das Design des Q9 diskutiert. Eigentlich soll der aufrecht stehende, mächtige Grill Souveränität und Status ausstrahlen. Doch die Journalisten vor Ort sehen das anders: Der vertikal gestreifte Kühlergrill wird spöttisch mit dem deutlich günstigeren, einheimischen SUV Chery Tiggo 9 verglichen. Sätze wie „Man kann die beiden kaum noch voneinander unterscheiden“ machen die Runde.

Einige Fachportale sprechen sogar von einer optischen Enttäuschung. Dem Q9 fehle die gestreckte, elegante Erhabenheit, die betuchte Business-Kunden in China von einem Luxus-Gefährt erwarten. Zudem wird die extreme Breite von 2,21 Metern kritisiert. Auf Chinas ohnehin engen Straßen und in den notorisch schmalen Parkhäusern der Megacitys dürfte das Rangieren mit dem Ingolstädter Trumm zu einer echten Zerreißprobe werden.

Lichtblick Komfort: Wo der Riesen-Audi glänzen kann

Nicht alles am neuen Q9 wird in China schlechtgeredet. Lob erntet Audi vor allem für das ausgeklügelte Innenraumkonzept, das stark auf Entspannung und Wohlbefinden setzt. Besonders die optionalen elektrischen Komforttüren mit Hinderniserkennung, das gigantische, 1,5 Quadratmeter große Panoramaglasdach mit regelbarer Lichtdurchlässigkeit sowie das beeindruckende MMI-Dreifach-Display im Cockpit kommen gut an. Auch die innovativen, dreidimensional geschwungenen OLED-Heckleuchten, die bei Gefahr sogar ein Warndreieck projizieren können, gelten als echtes Highlight.

"Das Ziel ist hier nicht nur das bloße Aneinanderreihen von Bildschirmen, sondern das Schaffen eines echten Rückzugsortes, an dem man sich entspannen kann."

Das Horch-Dilemma: Reicht der Name gegen Maybach?

Audi plant Gerüchten zufolge, den Q9 in China auch in einer besonders edlen „Horch“-Edition anzubieten, um direkt gegen den Mercedes-Maybach GLS anzutreten. Doch auch hier äußert die chinesische Fachpresse erhebliche Zweifel. In den Augen der chinesischen Analysten leidet Audi im Vergleich zu Mercedes unter einem spürbaren Image-Nachteil im absoluten Top-Segment. Während „Maybach“ in China ein fest etabliertes Statussymbol für extremen Luxus ist, sei der Name „Horch“ der breiten Masse der jungen Millionäre schlicht kein Begriff.

Ob der Audi Q9 bei seinem geplanten Marktstart in China Anfang 2027 das Ruder noch einmal herumreißen kann, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die goldene Ära, in der deutsche Premium-Hersteller im Luxussegment schalten und walten konnten, wie sie wollten, ist vorbei.