Liest man die Schlagzeilen der letzten Monate, drängt sich ein klares Bild auf: Marken wie BYD, MG oder Nio rollen den deutschen Markt für Elektroautos quasi im Handstreich auf. Gleichzeitig sollen etablierte Riesen wie Volkswagen, BMW, Mercedes und Porsche im Reich der Mitte völlig ins Hintertreffen geraten sein. Doch die blanken Zulassungszahlen entlarven diese einseitige Erzählung als stark verzerrt.
Das überraschende Fünf-Prozent-Patt
Tatsächlich liefern sich deutsche E-Autos in China und chinesische E-Autos in Deutschland ein kurioses Kopf-an-Kopf-Rennen, wenn man rein die relativen Marktanteile bei den reinen Stromern betrachtet:
- Deutsche Hersteller in China: Der kumulierte Elektro-Marktanteil von VW, Audi, BMW, Mercedes und Porsche liegt dort aktuell bei gerade einmal rund fünf Prozent.
- Chinesische Hersteller in Deutschland: Wer nun glaubt, die asiatischen Herausforderer hätten hierzulande längst die Vorherrschaft übernommen, irrt gewaltig. Der Marktanteil aller chinesischen E-Auto-Marken zusammen pendelt sich in Deutschland ebenfalls auf einem fast identischen Niveau von gut fünf Prozent ein.
Es steht bei den Marktanteilen also gewissermaßen fünf zu fünf. Doch wer nun von einem fairen Ausgleich spricht, übersieht die absolute Marktmacht beider Länder.
Der gewaltige Unterschied bei den Stückzahlen
Fünf Prozent Marktanteil klingen gleich, bedeuten aber in der Realität völlig unterschiedliche Welten. Der chinesische Automarkt ist derart gigantisch, dass diese fünf Prozent für die deutschen Autobauer immer noch weit über dreihunderttausend verkaufte Elektroautos pro Jahr bedeuten. Allein Volkswagen hält die Fahne mit seiner ID-Reihe dort tapfer hoch, während die Premium-Marken aufgrund des harten Preiskampfes – etwa gegen neue Tech-Giganten wie Xiaomi – schmerzhafte Einbrüche verkraften müssen.
"Ein Marktanteil von fünf Prozent in China füllt Fabriken. Fünf Prozent in Deutschland sind für die asiatischen Newcomer aktuell eher ein teures Marketingprojekt."
Auf der anderen Seite entsprechen die rund fünf Prozent für die chinesischen Elektro-Marken in Deutschland lediglich einer niedrigen bis mittleren fünfstelligen Summe an verkauften Fahrzeugen. Selbst asiatische Branchenriesen, die weltweit in die Millionen gehen, kämpften hierzulande lange Zeit mit fast homöopathischen Verkaufszahlen, auch wenn es zuletzt erste Achtungserfolge gab.
Warum die gefühlte Wahrheit uns so täuscht
Wie kommt es dann zur allgemeinen Panik vor der "China-Invasion"? Das liegt vor allem am extremen relativen Wachstum einiger weniger Hersteller aus Fernost. Wenn eine Marke quasi von null startet und plötzlich tausend Fahrzeuge in einem Monat ausliefert, schnellen die Wachstumsraten in dreistellige Prozentsphären. Zudem bauen Akteure wie BYD in Rekordtempo gigantische Vertriebsnetze auf und locken mit massiven Rabatten und Subventionen für ihre Plug-in-Hybride und Stromer. Das macht Lärm in der Branche und erzeugt immense mediale Präsenz.
Am Ende bleibt jedoch eine beruhigende, wenn auch mahnende Erkenntnis: Die deutschen Hersteller sind in China keine unbedeutenden Nischenmarken, sondern kämpfen als Volumenhersteller in einem unbarmherzigen Markt. Und die Chinesen in Deutschland? Sie sind extrem ehrgeizig, wachsen schnell, backen bei den Marktanteilen der reinen Stromer unterm Strich aber immer noch viel kleinere Brötchen, als ihr martialischer Ruf vermuten lässt.