Hinter dem überraschenden Bestellstopp für vollelektrische Dienstwagen steckt knallhartes kaufmännisches Kalkül. Die Schwarz-Gruppe betreibt in Deutschland eine riesige Flotte von rund 10.000 Dienstwagen. Bisher konnten Führungskräfte und berechtigte Mitarbeiter dabei auf beliebte Stromer wie den vollelektrischen BMW iX1 setzen. Doch dieses Kapitel ist nun vorerst geschlossen. Ein Sprecher des Konzerns bestätigte die Entscheidung offiziell:
"Aufgrund der hiesigen Volatilität auf dem Automobilmarkt und veränderter regulatorischer Rahmenbedingungen haben wir uns entschieden, vollelektrische Fahrzeuge bei Neubestellungen vorerst nicht mehr aufzunehmen."
Millionenschwerer Wertverlust: Warum der Discounter-Riese die Notbremse zieht
Der Hauptgrund für diese Kehrtwende liegt im ungewöhnlichen Geschäftsmodell der Schwarz-Gruppe begründet. Im Gegensatz zu den meisten anderen Großunternehmen setzt der Konzern bei seiner Flotte nicht auf klassisches Leasing. Stattdessen kauft das Unternehmen die Fahrzeuge über seine eigene Tochtergesellschaft, die „Schwarz Mobility Solutions“ mit Sitz in Ellhofen, direkt von den Herstellern. Nach einer vergleichsweise kurzen Haltedauer von meist nur sechs bis 18 Monaten werden die Autos als junge Gebrauchte auf dem freien Markt weiterverkauft.
Dieses Modell war mit konventionellen Verbrennern wie dem VW Tiguan über viele Jahre hinweg eine verlässliche Gewinnmaschine: Dank extrem hoher Rabatte beim Großeinkauf ließen sich die Fahrzeuge nach der Nutzung oft ohne nennenswerten Verlust wieder veräußern. Bei Elektroautos funktioniert diese Rechnung jedoch überhaupt nicht mehr.
Der Elektro-Gebrauchtmarkt als finanzielles Desaster
Die drastischen Wertverluste gebrauchter Elektroautos sind für die Schwarz-Gruppe zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden. Während ein dreijähriger Benziner in Deutschland laut Daten der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) noch rund 64 Prozent und ein Diesel etwa 62,7 Prozent seines ursprünglichen Listenpreises wert ist, stürzen reine Stromer im Durchschnitt auf magere 51,5 Prozent ab.
Drei wesentliche Faktoren treiben den Wertverlust auf dem deutschen Markt an:
- Fehlende Marktstabilität: Das abrupte Ende der staatlichen Umweltprämie und die darauffolgenden Preissenkungen der Hersteller haben das Vertrauen in die Restwerte von Elektroautos massiv erschüttert.
- Rasanter technischer Fortschritt: Batterietechnik, Ladegeschwindigkeiten und Software entwickeln sich so schnell, dass ein zwei Jahre altes E-Auto im Vergleich zu aktuellen Neuwagen rasch veraltet wirkt.
- Schwache Nachfrage: Auf dem deutschen Gebrauchtwagenmarkt ist das Interesse an gebrauchten Stromern nach wie vor verhältnismäßig gering, was die Preise zusätzlich drückt.
Da die Schwarz-Gruppe das Restwertrisiko ihrer Flotte durch den Eigenkauf zu 100 Prozent selbst trägt, bedeutete jeder verkaufte Elektro-Gebrauchtwagen zuletzt ein schmerzhaftes Verlustgeschäft.
Bitter für Mitarbeiter: Das Ende des 0,25-Prozent-Steuerprivilegs
Für die betroffenen Mitarbeiter ist die Entscheidung der Konzernleitung ein herber finanzieller Rückschlag. In Deutschland werden reine Elektro-Dienstwagen steuerlich massiv gefördert. Während bei einem klassischen Verbrenner monatlich ein Prozent des Bruttolistenpreises als geldwerter Vorteil versteuert werden muss, greift bei Elektrofahrzeugen die sogenannte 0,25-Prozent-Regel.
Bei einem typischen Dienstwagen im Wert von 60.000 Euro macht das einen gewaltigen Unterschied:
- Beim Elektroauto müssen monatlich lediglich 150 Euro versteuert werden.
- Beim Verbrenner sind es monatlich satte 600 Euro.
Dieser steuerliche Vorteil fällt für alle neuen Dienstwagenbestellungen bei Lidl und Kaufland nun komplett weg. Wer ein neues Auto ordert, muss wieder auf Benziner oder Diesel umsteigen und verliert damit netto mehrere hundert Euro im Monat. Immerhin: Bereits ausgelieferte Elektro- und Hybridfahrzeuge, die derzeit rund 20 Prozent der Flotte ausmachen, dürfen bis zum Ende ihrer geplanten Laufzeit weitergefahren werden. Zudem betrifft der Bestellstopp vorerst ausschließlich den deutschen Markt.
Ein Albtraum für deutsche Premium-Hersteller
Die Entscheidung der Schwarz-Gruppe ist weit mehr als eine interne Richtlinienänderung – sie ist ein alarmierendes Signal für die gesamte deutsche Automobilbranche. Flottenkunden und Dienstwagenfahrer gelten traditionell als die wichtigste Stütze für den Absatz von Elektroautos in Deutschland. Wenn nun einer der größten Eigenkäufer des Landes die Notbremse zieht und demonstrativ zum Verbrenner zurückkehrt, zeigt das, wie fragil der Hochlauf der Elektromobilität abseits künstlich gestützter Leasingraten wirklich ist.
Für Hersteller wie die BMW Group, die mit Modellen wie dem iX1 einen wichtigen Großkunden bediente, ist dieser Schritt ein schwerer Schlag. Er verdeutlicht, dass die Industrie dringend Lösungen für das grassierende Restwert-Problem finden muss – andernfalls könnten bald weitere Großflotten dem Beispiel von Lidl und Kaufland folgen.