Der europäische Markt für bezahlbare Elektroautos gerät mächtig in Bewegung. Mit dem Leapmotor B03 schickt der chinesische Hersteller, der über ein Joint Venture eng mit dem Stellantis-Konzern verknüpft ist, einen hochinteressanten Herausforderer nach Europa. Das Modell, das in China bereits unter dem Namen A05 offiziell eingeführt wurde, soll bald auch auf deutschen Straßen rollen. Die Zielrichtung ist klar: Während etablierte Marken noch an ihren Einstiegsstromern feilen, zielt der B03 mit einem erwarteten Kampfpreis von rund 20.000 Euro direkt auf die preissensible Kundschaft. Er nimmt damit Konkurrenten wie den Renault 5 E-Tech sowie den künftigen VW ID. Polo ins Visier. Doch ein genauer Blick auf die Reichweiten-Versprechen und Motorisierungen lohnt sich.

Abmessungen und Nutzwert: Kleinwagen-Maße mit gigantischem Kofferraum

Mit einer Länge von 4,18 Metern, einer Breite von 1,79 Metern und einer Höhe von 1,56 Metern bewegt sich der Leapmotor B03 geschickt an der Grenze zwischen Klein- und Kompaktwagen. Er ist damit rund 13 Zentimeter länger als klassische Kleinwagen wie der künftige Elektro-Polo von VW, nutzt den Raum aber optimal aus. Dank eines Radstands von 2,61 Metern verspricht Leapmotor großzügige Platzverhältnisse im Interieur.

Ein echter Clou gelingt dem B03 beim Ladevolumen. Während typische Vertreter dieser Klasse oft mit knappem Gepäckraum kämpfen müssen, bietet das Schrägheck-Modell aus China beachtliche 474 Liter Kofferraumvolumen. Damit nicht genug: Unter dem Ladeboden befindet sich ein weiteres, 91 Liter großes Ablagefach. Werden die Rücksitze umgeklappt, wächst der Stauraum auf bis zu 1.308 Liter. Damit lässt der B03 viele etablierte Konkurrenten beim Wocheneinkauf oder dem Familienausflug überraschend alt aussehen.

Antrieb und Reichweite: Das Rätsel um die 510 Kilometer

Unter dem Blech des Fronttrieblers arbeiten Lithium-Eisenphosphat-Akkus (LFP), die voraussichtlich in zwei Kapazitätsgrößen von 39,8 kWh und 53,0 kWh angeboten werden. Besonders ein Wert auf dem vorläufigen Datenblatt sorgt dabei für Aufsehen: Eine Reichweite von bis zu 510 Kilometern. Doch wer die Details analysiert, merkt schnell, dass es sich hierbei um ein klassisches Missverständnis handelt:

  • Chinesischer CLTC-Zyklus: Die 510 Kilometer beziehen sich auf den in China üblichen CLTC-Testzyklus für die Version mit der großen 53-kWh-Batterie. Dieser Messwert ist bekanntlich sehr optimistisch.
  • Reales WLTP für Europa: Im kombinierten europäischen WLTP-Verfahren dürfte die reale Reichweite der Top-Version schätzungsweise bei rund 390 bis 420 Kilometern liegen. Der kleinere 39,8-kWh-Akku wird im kombinierten Zyklus voraussichtlich deutlich unter der 400-Kilometer-Marke bleiben.
  • Der "WLTP-City"-Kniff: Wenn der Hersteller für Europa dennoch mit bis zu 510 Kilometern wirbt, handelt es sich laut Branchenexperten um den WLTP-City-Teilzyklus (reiner Stadtverkehr mit hoher Rekuperation), nicht um den für Vergleiche üblichen kombinierten Mix.

Dennoch positioniert sich der B03 mit einer realistischen kombinierten Reichweite von rund 400 Kilometern hervorragend gegen Wettbewerber wie den Renault 5 E-Tech (bis zu 410 km WLTP). Beim Laden schlägt sich der Chinese ebenfalls wacker: Am Gleichstrom-Schnelllader (DC) zieht der B03 Energie mit bis zu 90 kW. Ein Ladevorgang von 30 auf 80 Prozent soll so in flotten 16 Minuten erledigt sein.

Leistung im China-Check: Keine Rennmaschine

In Sachen Motorleistung backt der B03 in der chinesischen Basisversion kleinere Brötchen. Für den dortigen Markt ist er mit zwei Leistungsstufen homologiert:

  • Die Einstiegsvariante leistet 70 kW (95 PS).
  • Die stärkere Version bringt es auf 90 kW (122 PS).

Mit maximal 122 PS zieht der B03 im Vergleich zu sportlicher ausgelegten E-Kleinwagen an der Ampel eher den Kürzeren. Allerdings gibt es berechtigte Spekulationen für den europäischen Markt: Da der eng verwandte SUV-Bruder B03X in Europa mit deutlich kräftigeren Antrieben von 130 kW (177 PS) oder 145 kW (197 PS) an den Start geht, könnte Leapmotor für den hiesigen Markt noch nachbessern.

Cockpit und Technologie: Minimalismus trifft High-Tech

Der Innenraum des B03 präsentiert sich extrem digitalisiert und aufgeräumt. Hinter dem markanten Zweispeichen-Lenkrad versorgt ein 8,8 Zoll großes Display den Fahrer mit den wichtigsten Infos, während in der Cockpitmitte ein gewaltiger 14,6-Zoll-Touchscreen thront. Für eine flüssige Bedienung des Infotainments sorgt der leistungsstarke Snapdragon 8295-Chip von Qualcomm, der sonst eher in deutlich teureren Fahrzeugklassen verbaut wird. Physische Knöpfe sucht man auf dem Armaturenbrett dagegen fast vergebens.

Zusätzlich setzt Leapmotor auf maximale Flexibilität. Die sogenannten „Cloud-Feel“-Sitze lassen sich im Innenraum flach umlegen, um während der Ladepause eine komfortable Liegefläche zu schaffen.

Preiskampf in Europa: Der 20.000-Euro-Schocker?

Der entscheidende Hebel, mit dem Leapmotor den europäischen Markt aufmischen möchte, ist jedoch der Preis. In China startet der E-Flitzer umgerechnet bereits ab rund 7.500 Euro. Durch Importzölle, Transportkosten und die aufwendige Homologation für die EU wird sich dieser Preis hierzulande zwar deutlich nach oben verschieben. Dennoch ist die preisliche Einordnung vielversprechend:

Da das größere SUV-Schwestermodell B03X in Deutschland bereits ab 24.900 Euro bestellbar ist und der kompakte Fünftürer B05 bei 27.900 Euro startet, dürfte der flachere und kleinere B03 knapp unter der 24.900-Euro-Grenze positioniert werden. Experten erwarten einen Einstiegspreis von nahe der 20.000-Euro-Marke.

Dank des Joint Ventures mit Stellantis profitiert Leapmotor zudem von einem dichten deutschen Händlernetz mit rund 120 Standorten. Für die europäische Konkurrenz in der Klein- und Kompaktklasse dürften die Zeiten damit ungemütlicher werden – der Leapmotor B03 verspricht viel Auto und enormen Nutzwert zum echten Kampfpreis.