Die deutsche Automobilindustrie steht vor einem historischen Umbruch. Bereits 2025 gingen rund 50.000 Stellen verloren, doch Experten warnen: Das war erst der Anfang. Eine toxische Mischung aus sinkender Produktion, US-Strafzöllen und einer tiefen Krise bei den Zulieferern droht das Jahr 2026 zum Schicksalsjahr für Zehntausende Beschäftigte zu machen.
Lange Zeit galt die Gleichung als unumstößlich: Wer in der deutschen Autoindustrie arbeitet, hat einen sicheren Job. Doch diese Gewissheit bröckelt massiv. Kreditversicherer wie Atradius zeichnen ein düsteres Bild für das kommende Jahr. Die Transformation der Branche ist nicht mehr nur ein Schlagwort aus Management-Präsentationen, sondern bittere Realität, die sich in Kündigungsschreiben manifestiert. Experten sehen keinen kurzfristigen Aufwärtstrend – im Gegenteil: Der Arbeitsplatzabbau wird sich voraussichtlich in ähnlicher Härte wie im Vorjahr fortsetzen.
Die große Produktivitäts-Lücke
Ein Blick auf die nackten Zahlen offenbart ein strukturelles Missverhältnis, das jahrelang ignoriert wurde. Während die Zahl der Beschäftigten bis vor Kurzem noch auf dem hohen Niveau von 2011 verharrte (rund 720.000 Mitarbeiter), ist die Produktion im selben Zeitraum drastisch eingebrochen. Wurden 2011 noch fast sechs Millionen Fahrzeuge in Deutschland gebaut, waren es zuletzt nur noch knapp 3,9 Millionen. Diese Rechnung kann auf Dauer nicht aufgehen: Weniger Autos bei gleicher Belegschaftsstärke ist ökonomisch nicht haltbar. Der jetzt einsetzende Stellenabbau ist die schmerzhafte Korrektur dieser langjährigen Fehlentwicklung.
Zulieferer im Überlebenskampf
Besonders dramatisch ist die Lage in der zweiten und dritten Reihe. Während die großen Hersteller (OEMs) noch Polster haben, kämpfen viele Zulieferer ums nackte Überleben. Allein im ersten Halbjahr 2025 meldeten 29 größere Zulieferer Insolvenz an. Banken reagieren nervös und drehen den Geldhahn zu: Kredite werden restriktiver vergeben, Refinanzierungen scheitern.
Vor allem kleinere, spezialisierte Unternehmen (Tier-3 und Tier-4), die noch stark am Verbrennungsmotor hängen, geraten unter die Räder. Ihnen fehlen oft die finanziellen Mittel für den teuren Umbau hin zur E-Mobilität. Wenn hier die Lichter ausgehen, drohen Lücken in den Lieferketten, die auch die Großen empfindlich treffen könnten.
Die US-Falle schnappt zu
Als wäre die interne Transformation nicht genug, droht nun auch Ungemach vom wichtigsten Exportmarkt. Die USA erheben Zölle von 15 Prozent auf EU-Autoexporte. Für deutsche Hersteller, die zuletzt Fahrzeuge im Wert von 33 Milliarden US-Dollar in die Staaten lieferten, ist das ein schwerer Schlag. Die Margen schmelzen, und die Verkäufe brechen weg.
Die Reaktion der Konzerne ist logisch, aber fatal für den Standort Deutschland: Um die Zölle zu umgehen, wird die Produktion direkt in die USA verlagert. Was betriebswirtschaftlich Sinn ergibt, bedeutet volkswirtschaftlich den Verlust von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in der Heimat. Zulieferer werden gezwungen sein, ihren großen Kunden über den Atlantik zu folgen – oder sie verlieren die Aufträge ganz an lokale US-Konkurrenten.
Hoffnungsträger E-Mobilität?
Ist also alles verloren? Nicht zwangsläufig. Die Innovationskraft der deutschen Ingenieure ist nach wie vor intakt. Doch damit die Wende gelingt, braucht es mehr als nur gute Autos. Die entscheidenden Fragen für die Zukunft des Standorts sind politischer und strategischer Natur: Wer baut die Batterien? Woher kommen die Rohstoffe? Ohne klare Antworten und verlässliche Rahmenbedingungen droht Deutschland seine Schlüsselindustrie schrittweise zu verlieren – und damit den Wohlstandsmotor, der das Land über Jahrzehnte angetrieben hat.