Ein tektonisches Beben erschüttert die globale Automobilindustrie, und das Epizentrum liegt im fernen Osten. In China ist eingetreten, was Branchenexperten noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätten: Die reinen Verbrennungsmotoren wurden im April erstmals von den reinen Elektroautos überholt. Nach aktuellen Daten eines renommierten Marktanalysehauses wurden im weltgrößten Automarkt rund 580.000 reine Stromer zugelassen, während klassische Benziner und Diesel mit 560.000 Zulassungen ins Hintertreffen gerieten. Ein historischer Meilenstein, der die globale Kräfteverschiebung unumkehrbar macht.
Kein einziger Verbrenner mehr in den Top 10
Die Entwicklung im Mai setzt dem Ganzen die Krone auf: Wie aktuelle Zahlen des chinesischen Händlerverbands CPCA zeigen, ist erstmals in der modernen Geschichte des chinesischen Automarkts kein einziges Auto mit reinem Verbrennungsmotor mehr unter den zehn meistverkauften Pkw-Modellen zu finden.
Die Bestseller-Listen werden stattdessen komplett von sogenannten „New Energy Vehicles“ (NEVs) – also Elektroautos und Plug-in-Hybriden – beherrscht. Ganz oben thronen Modelle wie:
- Der kompakte E-Flitzer Geely Xingyuan, der mit fast 39.000 Verkäufen den ersten Platz belegt.
- Das weltweit beliebte Tesla Model Y auf Rang zwei.
- Die heiß begehrte Elektro-Limousine Xiaomi SU7 des Smartphone-Riesen auf dem dritten Platz.
Insgesamt lag der Marktanteil von Elektroautos und Plug-in-Hybriden im Mai bei unglaublichen 62,9 Prozent im chinesischen Inlandsgeschäft. Zum Vergleich: In Europa und insbesondere Deutschland dümpeln die Zulassungszahlen nach dem Wegfall von staatlichen Kaufprämien eher unruhig vor sich hin.
Der E-Auto-Schock für VW, BMW und Mercedes
Für die deutschen Premium- und Volumenhersteller sind diese Nachrichten eine absolute Hiobsbotschaft. China war jahrzehntelang die verlässliche Gelddruckmaschine für Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz. Doch dieser Markt kippt nun in einem atemberaubenden Tempo. Wer keine konkurrenzfähigen, günstigen und hochdigitalisierten E-Autos anbietet, wird schlichtweg an den Rand gedrängt.
Besonders hart traf es zuletzt die Münchner: BMW musste seine Jahresprognose drastisch nach unten korrigieren. Statt einer operativen Marge von vier bis sechs Prozent im Autogeschäft rechnet der DAX-Konzern nur noch mit mageren ein bis drei Prozent. Als Gründe gelten die massiven Absatzschwierigkeiten im schwächelnden und extrem umkämpften chinesischen Markt sowie geopolitische Krisen, welche die Energiekosten belasten.
Auch Volkswagen kämpft mit aller Macht gegen den Abwärtstrend. Mit extrem rabattierten Modellen und neuen lokalen Partnerschaften versuchen die Wolfsburger, den Anschluss an BYD und Co. nicht ganz zu verlieren. Denn der chinesische Markt schrumpft bei klassischen Autos seit Monaten massiv, während die heimischen Marken mit modernster Software und extrem schnellen Entwicklungszyklen die Standards setzen.
China verramscht seine Verbrenner auf dem Weltmarkt
Doch wohin mit den Fabrikkapazitäten für Benziner und Diesel, die im Inland kaum noch jemand kaufen will? Chinas Staatskonzerne reagieren pragmatisch und weichen auf das Ausland aus. Millionen von fossilen Antrieben werden nun weltweit exportiert – dorthin, wo die Ladeinfrastruktur noch in den Kinderschuhen steckt, wie etwa in Teile Südostasiens, Lateinamerikas oder Osteuropas. Chinas Auto-Revolution verändert damit nicht nur das eigene Land, sondern formt den gesamten globalen Automarkt neu.
"Der globale Takt wird in China vorgegeben – bei Volumen, Skalierung und technologischer Geschwindigkeit. Die europäische Autoindustrie muss jetzt extrem schnell reagieren, um nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren."
Während hierzulande heftig über die Rückkehr des Verbrenners und eine Aufweichung des für 2035 geplanten EU-Verbots gestritten wird, zeigt der Blick nach Osten: Die Realität hat die politische Debatte längst überholt. Wer auf dem globalen Markt überleben will, muss elektrisch abliefern – und zwar jetzt.