Der chinesische Automobilgigant Chery wächst in Europa rasant – und stößt an seine Kapazitätsgrenzen. Um drohende EU-Strafzölle zu umgehen und die immense Nachfrage der Kunden zu bedienen, justiert der Hersteller nun seine Produktionsstrategie neu. Statt Milliarden in den langwierigen Aufbau völlig neuer Gigafactorys auf der grünen Wiese zu pumpen, setzt man lieber auf clevere Allianzen und greift nach den Werksschlüsseln bereits bestehender, europäischer Fabriken.

Seit dem Europa-Debüt im Jahr 2023 kennt die Absatzkurve der Chinesen nur eine Richtung: steil nach oben. Die Verkaufszahlen haben sich im vergangenen Jahr fast versechsfacht und erreichten rund 120.000 Fahrzeuge. Modelle der Marken Omoda und Jaecoo rollen zunehmend auf unsere Straßen, während im hessischen Raunheim bereits fleißig an der europäischen Abstimmung der Fahrzeuge getüftelt wird. Doch die Importe aus dem Reich der Mitte bergen finanzielle Risiken. Die strengen regulatorischen Vorgaben zur lokalen Wertschöpfung und die anhaltende Zolldebatte in der EU zwingen den größten Autoexporteur Chinas zum Handeln.

Der smarte Weg zur lokalen Produktion

Bisherige Pläne sahen in der Autoindustrie oft den kostenintensiven Neubau von Werken vor. Davon rückt das Top-Management von Chery nun ab. Auf einem kürzlichen Branchen-Event in Paris bestätigte die Führungsriege, dass man der Nutzung vorhandener Kapazitäten den Vorzug vor massiven Investitionen in völlig neue Montagewerke gebe. Der Grund ist simpel: Es spart extrem viel Zeit und schont die Kassen, wenn man nicht erst jahrelang um Baugenehmigungen und Infrastruktur kämpfen muss.

"Diese Prozesse erfordern Zeit und Engagement, vor allem aber den Aufbau der richtigen lokalen Partnerschaften."

Stattdessen sucht das Unternehmen gezielt den Schulterschluss mit anderen Automobilherstellern in Europa. Man strebt nach Joint Ventures und Kooperationen, um freie oder stillgelegte Kapazitäten im europäischen Fertigungsnetzwerk wiederzubeleben.

Frankreich im Visier, Spanien macht den Anfang

Ein erstes Vorzeigeprojekt für diese Vorgehensweise gibt es bereits in Spanien. In einem ehemaligen Nissan-Werk in der Nähe von Barcelona hat sich Chery mit einem lokalen Partner zusammengetan. Die Pläne sind ambitioniert:

  • Schrittweiser Ausbau: Die Anlage soll bis zum Jahr 2029 auf eine jährliche Produktion von 200.000 Einheiten hochgefahren werden.
  • Lokale Zulieferer: Der Anteil europäischer Komponenten soll drastisch steigen, um die Importzölle effektiv zu umschiffen.
  • Zentrum für den Export: Von Südeuropa aus sollen künftig auch andere globale Märkte beliefert werden.

Da dieses Werk allein den riesigen Hunger des europäischen Marktes nicht stillen kann, sondiert die Chefetage aktuell weitere Standorte. Konkrete Verhandlungspartner werden noch unter Verschluss gehalten, doch Frankreich gilt als einer der heißesten Kandidaten auf der Liste. Man darf gespannt sein, welcher etablierte europäische Autobauer als Nächstes den roten Teppich für die aufstrebende Konkurrenz aus Asien ausrollt.